Positives
Denken
- der direkte Weg in
die Katastrophe
Haben
Sie den folgenden Dialog schon einmal geführt?
„Wie geht es Ihnen?“ „Sehr gut!“
„Ach das tut mir aber leid für Sie, ich wünsche Ihnen von Herzen die nächste
Katastrophe!“
- Nein, noch nicht? Warum eigentlich nicht?
Was ist eine Katastrophe?
Unserer
Psyche fehlt der gesunde Umgang mit der eigenen Katastrophe. Alles, was als
negativ – d.h. unangenehm – erlebt wird, soll in den positiven Pol verwandelt
werden, damit eines Tages nichts mehr geschehen kann, das den Menschen von dem
Genuss seines herrlichen Daseins im Glanz seiner erfüllten Wünsche abhalten
könnte. Nur leider lässt sich diese vordergründige Lebenslüge nur kurze Zeit
aufrecht erhalten und landet irgendwann immer im Desaster. Das einbrechende
Unheil wird dann aber nicht so gerne als korrigierender Gegenpol verstanden.
Statt dessen werden die positiven Absichten verstärkt, um alles Negative
endgültig zu vernichten. Jedoch beschwört diese Bemühung noch größeres Leid
herauf. Die Sucht nach „mehr-höher-schöner-reicher-freier-erfolgreicher-beliebter-sicherer“
ist ein Symptom für den bevorstehenden Zusammenbruch einer stofflichen
Hochkultur, sei sie gesellschaftlich oder persönlich erschaffen. Die Geschichte
lehrt: Eine schwelgende Dekadenz, die sich konfliktfrei den materiellen
Genüssen hingeben möchte, ist dem Untergang geweiht. Der Mensch unserer
Gegenwart hat verlernt, die Katastrophe zu lieben und ihr Erscheinen als
willkommene Unterbrechung seiner eingefahrenen Kontinuität herbeizusehnen. Das
griechische Wort katastrophe bedeutet jedoch Umkehr, Wende. Da dieses
Prinzip die Menschen buchstäblich aus dem Schlaf reißt - und heute eigentlich
fast alle schlafen - wird es in unseren Tagen generell als Unheil bezeichnet,
obwohl für den einseitig ausgerichteten Erdenbürger in der Kehrtwendung die
Chance zum Heil steckt. Der eingeweihte Grieche im Zeitraum der Antike jauchzte
bei dem Eintreffen eines Lebensproblems noch begeistert auf: „Endlich ist sie
da, die Katastrophe! Ich liebe sie! Wenn sie mir auch zunächst vieles nimmt, an
das ich mich gewöhnt habe, so wird sie mich doch am Ende reich beschenken.
Stoffliche Dinge werden vergehen wie verdörrtes Laub, und darin erkenne ich,
wie sich analog dazu all jene Bewusstseinsschlacken von mir ablösen, die mich
daran gehindert haben, die Evolution meiner Seelenstruktur bewusst
mitzuerleben. Die Katastrophe führt mich aus der Enge meines winzigen
eingerosteten Weltbildes in einen neue Weite, in der unnötige Grenzen meiner
Persönlichkeit zusammenbrechen. Heureka! Ich habe es gefunden! Ich werde wieder
viel wacher, entwickele mich und steige in höhere Dimensionen empor!“ Über
diese Worte können heutzutage die meisten Menschen nur mitleidsvoll seufzen und tief
zufrieden aufatmen, weil eine solche graue Vorzeit als überwunden gilt.
„Die Alten haben es eben
nicht besser gewusst. Das sieht man ja schon an ihren Theaterstücken. In den
Tragödien von Sophokles und Aischylos zeigt sich deutlich der Hang zur
Katastrophe. Wer sich so etwas anschaut, zieht das Leid doch förmlich herbei.
Heute sind wir bewusster, wir trainieren, programmieren und überlisten einfach
unser Unterbewusstsein, entwerfen eine klare positive Vision, nutzen unsere
Ressourcen, refraimen unsere Empirik und sorgen so für eine positive Innovation
– und alles läuft nach Plan“, so argumentiert heute der lebensbejahende mental
trainierte Mensch, der sich auf materiellem Erfolgskurs wähnt, weil er sich von
positiv strahlenden Seminarleitern mit magischen Tricks versorgen ließ, die
seine Persönlichkeit aufbauen sollen und ihm schon bald eine steile Karriere,
eine gutgehende Firma und eine immense Kraft zum Motivieren seiner Mitarbeiter
verleihen soll. Begegnet man einem frisch gecoachten Seminarteilnehmer gängiger
Wirtschaftskurse, so beschleicht einen angesichts solch positiver Selbstgefälligkeit
der Verdacht, man selbst sei ein hoffnungsloser Pessimist, der es niemals
schaffen kann, sein Leben erfolgreich zu strukturieren, und der auch niemals an
die Füllhörner der Schöpfung herankommen könnte, da man sich selbst durch
negative Programme von dem wahren Glück abschneidet. Der andere scheint mehr zu
wissen: Er „stimmt jetzt seine Wünsche mit dem Kollektiv ab“ und ergattert sich
ab sofort das eigene Wachstum „durch einen sinnvollen Beitrag zur allgemeinen
Verbesserung menschlicher Bedingungen“. Gelingt ihm das alles nicht im
Handumdrehen, kein Problem, er lädt sich einfach immer wieder ein Update seines
Mentaltrainers herunter und übt fleißig weiter, dann wird schon alles in Fluss
kommen. Denn schließlich hält er die alten magischen Schlüssel in der Hand und
nutzt sie endlich nicht mehr rituell für die eigene Bewusstwerdung und
Weltüberwindung, sondern für praktische Lebensziele im Hier und jetzt. Und
tonnenweise strahlt er aus, dass er in Zukunft einzigartig sein wird. Ein paar
Visualisationen noch, mal hier mal da geklopft, die Mentalenergie eines
Superheilers, eine Serie guter Entspannungen bei Synthesizer mit
Vogelgezwitscher, die fest verankerte Vision auf den Alphawellen und ein
jugendlich swingendes Lächeln in seiner Aura vermitteln ihm das untrügliche
Gefühl, sein Alltagshirn in eine florierende Brainmaschine verwandeln zu
können. Geheime Potentiale der Jahrtausende werden nun endlich für den äußeren
Bau einer schöneren Welt Verwendung finden! Bald wird er hellsichtig sein und die
Börsenberichte im Voraus kennen ... die Pläne und Erfindungen der Konkurrenz
werden eines Tages vor ihm liegen, wie ein offenes Buch ... auch seine
Willenskraft wird so bezwingend sein, dass er alles erreicht ... von nun an
weiß er, was der Masse gut tut: Seine Projekte, seine Produkte! Natürlich! Was
sonst?! Bravo! Schon sieht er sich fast das ganze Jahr auf den Maledieven, rund um die Uhr online natürlich, und umringt von verführerischen Damen, die
ihn total attraktiv finden.
Sollte
man nun so töricht sein, den Egoentfalteten zu fragen, wo in seinem strahlenden
Konzept der zweite Pol bliebe, welcher aus Versagen und daraus folgender
Eigenhinterfragung besteht, wird man angesehen, als stünde man mit dem Teufel
im Bunde. Der ethisch Gebildetere meint, er müsse jetzt versuchen, eine
verirrte menschliche Seele zu retten, was sogleich durch einen Schwall
antrainierte Wortgewalt aus der hellen Schublade der Welt versucht wird.
Wir
malen uns nun folgendes aus: Unser antiker Hellene mit seinem Hang zur Katastrophe hat
heute kaum eine Chance, verstanden zu werden. Trifft der halbheilige Optimist
auf einen uralten Chinesen, der ihm mit Hilfe des I-Ging beibringen will, wie
viel leichter es ist, einen starken Charakter auszubilden, wenn man das Übel
als die Hälfte der Realität ansieht, so dauert es nicht mehr lange, bis kleine
bunt gecoverte Paperbacks mit dem Titel: Trainiere Deine visionäre Denkkraft -
oder so ähnlich – in die Hände des eingeweihten Griechen und des weisen
Chinesen gleiten. Wenn dies wirklich geschähe, läge das mitleidsvolle Lächeln
entschieden auf der anderen Seite. Die beiden Alten würden sich fragen, wie es
passieren konnte, dass die Menschen sich so sehr verwickelt haben. Mit
aufgerissenen Augen, voller Staunen, würden sie ihre eigenen Erkenntnisse über
die Wirklichkeit der Gedanken und die Unwirklichkeit der materiellen
Erscheinungen lesen. Von der Macht des Unterbewusstseins sind die alten Weisen
selbstverständlich überzeugt. Das Buch enthält demnach keine einzige
Unwahrheit, und doch ist es ein Buch, das unweigerlich die individuelle
Katastrophe in das Leben desjenigen bringt, der die darin enthaltenen
Anweisungen treulich befolgt. Die Alten wissen ja selbst am besten, wie wichtig
und heilsam die Katastrophe ist, aber dass man sie über den Umweg des positiven
Denkens herbeilockt, das ist wahrlich neu und erscheint ihnen ein wenig albern.
Haben sie doch zu ihrer Zeit noch geduldig und demütig auf die Katastrophe
gewartet und ihr, wenn sie schließlich kam, sofort die Tür geöffnet, ihr in
freundlicher Gastlichkeit den Tisch bereitet und gespannt die Belehrung in
Empfang genommen. Jetzt holt man sich die Katastrophe dadurch, dass man sie
vermeiden möchte, eher durch die Hintertür. Das erscheint den Alten zwar
verrückt, aber sie wissen, es funktioniert freilich auch so. Die Schwachstelle,
so vermuten sie, dürfte sein, dass die meisten zwar anfänglich begeistert den
Anweisungen folgen und die angepriesenen Übungen auch durchführen, bald aber
aus Trägheit wieder nachlassen. Dann fällt das schnellere Eintreffen der
Katastrophe leider aus oder sie bleibt ziemlich klein. Doch einigen gelingt
vielleicht der Effekt: Je polierter der positive Pol im Licht glänzt, umso
satter schlägt die finstere Katastrophe eines Tages zu. Das Pech daran ist nur,
dass wegen der vorausgehenden Vermeidungsstrategie keiner mehr jubeln mag. Das
finden die Alten nun sehr bedauerlich.
Der
magische Pakt mit Rumpelstilzchen
Kinder hält man davor zurück, mit Feuer zu spielen. Die
mentalen Übungen, die man versucht in den Dienst der Alltäglichkeit zu stellen,
lassen sich recht gut mit Feuer vergleichen. Es gibt solche Techniken im
Okkultismus wahrhaftig und sie funktionieren auch, aber sie bedürfen eines
besonderen Hintergrundes. Die gekonnte Lenkung des Unterbewusstseins erfordert
eigentlich eine regelrecht magische Schulung mit kosmisch abgesegneten Ritualen
und Philosophien. Fehlt diese Unterweisung, hat man es mit Fragmenten zu tun,
die zwar nicht überall falsch sind, weil sie aus mystischen Systemen entwendet
wurden, aber nicht richtig sein können, da sie nur kleine Teilaspekte der
gesamten Mystik aufzeigen. Die auf dem freien Markt erhältlichen Bücher mit den
Anweisungen für die Pflege des Unterbewusstseins lesen sich so schön, sie
machen richtig Mut und Hoffnung, aber sie laufen dennoch wie ein ICE in den
Sackbahnhof ein und kommen ohne Hilfe einer ebenso starken Gegenkraft nicht
wieder heraus. In den Büchern über das positive Denken wird viel über den
inneren und äußeren Reichtum gesprochen. Fülle, Erfolg und sogar Wunder sind
die erwählten Lebensbegleiter. Aber es ist kein Wort darüber zu finden, dass
die „Not-wendige“ Katastrophe sich im Schatten zusammenbrauen muss, um
plötzlich hinterrücks über den positiv motivierten Halbweisen herzufallen,
damit er nicht einseitig wird, sondern seinen Teil des irdischen Übels
gerechterweise mitträgt. Dass sich die Philosophie der Positivdenker
vordergründig sehr einleuchtend anhört, liegt an einer ganzen Flut von
Begriffsverwirrungen. Ihre Aussagen bilden ein ungesundes Gemisch aus echten
metaphysischen Erkenntnissen, darwinistisch geprägten Evolutionsvorstellungen,
moralisierender Alltäglichkeit, wirksamen magischen Praktiken und Showtalent.
Alle Zutaten sind einzeln brauchbar und an ihrem Platz durchaus wertvoll, aber
in der Gemeinsamkeit ähneln sie einer unpassenden Komposition von Nougatcreme
mit Senf, die ein vierjähriges Kind wohlmeinend zusammenrührt, um sie der Mama
als Muttertagüberraschung in den Mund zu schieben. Ebenso wenig wie diese
Mischung schmeckt, wird ein Menschenleben durch positives Denken und visionäres
Planen rundherum erfolgreich sein. Die Summe der Laster bleibt immer gleich,
formuliert der Volksmund. Abgewandelt hieße dies: Was immer du positiv
programmierst, kostet den Preis der negativen Erfahrung auf einer anderen
Ebene. Im Märchen nennt man dies, einen Pakt schließen. Zuneigungen (Mond)
werden mit Gold (Sonne) entlohnt, sie bringen manchmal ganze Königreiche ein. Dies
gilt vice versa. Gold und Ehren (Sonne) werden mit Erstgeborenen oder Gefühlen
(Mond) erkauft. Dass die Volksmärchen am Ende immer gut ausgehen, liegt bei
weitem nicht daran, dass die Betroffenen positiv denken oder gut visualisieren
können. Sie haben vielmehr in ihrem Reifungselend derart harte Erfahrungen
gemacht, die ihnen einen Ausgleich ihrer einseitigen Bestrebungen abverlangten
und sie dann so heiligten, dass sie eine vollständig neue Bewusstseinsebene
erlangten. Erst wenn Glück und Leid, Macht und Ohnmacht, also der positiv und
der negative Pol im Gleichgewicht schwingen, ist alles gut und „nicht mehr von
dieser Welt“. Vorher nicht! Das magisch versierte Rumpelstilzchen hilft gern,
aus Stroh (irdisches Weltbild) Gold (kosmisches Bewusstsein) zu spinnen. Aber
der kleine Dämon will „der Königin ihr Kind“ (die Seele). Erst wenn der Name
offenbar wird, also wenn von einer magischen Macht auch „das Zuhause im dunklen
Wald“ (die Schattenseite) erkannt wird, kann man sie einschätzen und lenken.
Wer Magie auch im Schatten beherrscht, für den verliert sie die Gefahr, denn
sie schlägt nicht mehr ungerufen zurück. Die gesetzmäßige Rumpelstilzchensteuer wird von den Positivdenkern und Schicksalsgestaltern meistens vergessen; sie
lassen sich von dem kleinen Zauberer zunächst einfach helfen und schauen
womöglich jeden Morgen mit dem „ich werde täglich besser und besser“- Blick in
den vermeintlich sorgenfreien Spiegel, bis das Rumpelstilzchen erscheint und seinen
Tribut einklagt. Denn Halbweisheiten sind auch Lügen, und Lügen haben kurze
Beine. Um die Aussagen der Visualisationsartisten unter die Lupe zu nehmen, muss man
sich die Mühe machen, die Worte, die dort verwendet werden, wieder an ihren
richtigen Platz zu stellen. Fangen wir einmal bei dem Begriffspaar Involution
und Evolution an.
Involution
und Evolution
Es
kennzeichnet die typische Diesseitsfreude des Menschen, das Wort
Evolution in einen völlig verkehrten Zusammenhang zu stellen. Evolution wird aber
erst richtig eingesetzt, wenn man die Involution gegenüberstellt. Den meisten
ist der Begriff Involution in seiner Bedeutung fremd, da sie mit Darwin
glauben, das Dasein hätte vor langer Zeit auf primitivster Stufe begonnen und
würde sich allmählich zu einem höheren Geist entwickeln. Aus
religiöser und geheimwissenschaftlicher (diverse Schöpfungsgeschichten, Kabbalah etc.) Sicht stimmt dies so nicht. Dort beginnt das Sein in der höchsten
Form des Geistes und sondert sich im sogenannten Sündenfall ab, um sich schichtweise
in gröbere Gewänder zu kleiden. Diesen Absturz der schöpferischen Kraft in die
Verdichtung von der Feinstofflichkeit in die Grobstofflichkeit nennt man
Involution, das bedeutet Verwicklung. Die einst himmlische Seele verwickelt
sich auf der tiefsten Stufe im Erdendasein. Der gegenpolare Zug vollzieht sich als
Entwicklung, also Evolution. Wenn die Seele an ihrem niedrigsten Punkt
angelangt ist, kann (bzw. muss) sie sich wieder entwickeln. Auch Bäume und
wirtschaftliche Erfolge wachsen nicht in den Himmel, beide unterliegen einem
Gesetz der Mitte und des Werdens und Vergehens. Bemüht man sich aber in seinem
Leben, immer mehr im Stoff anzukommen, die Materie immer weiter zu vermehren
und zu veredeln, will also andauern reicher und gesünder werden, so stellt man
sich unbewusst in den Dienst der Involution und arbeitet an der Verwicklung.
Wer sein Wirken aber nun für eine Evolution hält, darf sich nicht wundern, wenn
das Wort Evolution (Wörter sind Zugpferde) zum Rumpelstilzchen wird und das
Bewusstsein wahrhaftig in die Evolution bringen möchte. Als Evolution
bezeichnet man doch die langsame Entwicklung einer stofflichen Natur in höhere
feinstoffliche Aspekte der Wirklichkeit. Der Weg der Evolution führt also
genaugenommen aus der Materie wieder heraus in den Geist. Okkulte Übungen aus
der Tradition der Geheimlehre stehen ausschließlich im Dienst der so
verstandenen Evolution des Menschen; sie wollen ihn entwickeln, nachhaltig aus
dem Stoff befreien. Werden sie jedoch dafür eingesetzt, sich noch mehr zu verwickeln,
kehren sie von sich aus – wegen ihrer Wirksamkeit! – den Spieß herum und
befreien den Menschen von allen Bindungen und Besitztümern, die sich einer
Vergeistigung verweigern. Der zu seinem äußeren Wohle Visualisierende erreicht
im Endeffekt etwas ganz anderes, als er ursprünglich bezweckt hat. Das
Räderwerk der Prinzipien setzt an, ihn bewusster und geistvoller zu machen und
er bezahlt dafür auf irgendwelchen irdischen Ebenen. Damit wirkten die
metaphysischen Übungen korrekt und sie bleiben über Vorwürfe erhaben, denn der wahre Adept bezweckt eben diese Lösung aus
den Banden des Stoffes. Der Profane hingegen hat versucht, eine fremde, unbekannte Kraft für sich
zu einzusetzen, die ihm gar nicht gehört; er zielte mit Mitteln, die das
Bewusstsein entfalten und höhere Seinsformen eröffnen, darauf ab, seine irdischen
Wünsche in die Erfüllung zu bringen. Er wollte einen Kurs in Wundern wirken,
ohne selbst heilig zu sein. Er wird keine Wunder erleben, aber er wird sich
wundern, denn die Werkzeuge der Gedankenkontrolle befreien ihn ungewollt von
irdischer Stabilität und lassen seine kleine Welt morsch werden und langsam
zusammenbrechen.
Anders
der erfahrene und geweihte Mystiker, er steuert diese Bindung aus der
Stofflichkeit bewusst an, bestimmt aber Ausmaß und Geschwindigkeit des
Prozesses selbst und weiß sehr genau um die Gnade der Allmählichkeit dabei. Er
weiß um die Dualität und spannt bewusst eine positive und eine negative Kraft
vor seinen Wagen. Er hat gelernt, die Kräfte zu zügeln und wird nicht von ihnen
fortgerissen. Auch er möchte Wunder erleben und erlebt sie auch, aber er weiß,
alle Wunder bedürfen einer Umkehrung. Die Kehrseite des Wunders ist die
Katastrophe! Freiwillig löst er sie ein, indem er magische Macht mit demselben
Maß an Demut ausgleicht. Das Wohlleben des einen Tages gleicht er aus mit
Entsagung an einem anderen. Will er sich von Herzen freuen, so bedankt er sich
auch für die Fähigkeit, das Leid bewusst durchwandern zu dürfen. Wenn er sich hinauf gereckt hat, vergisst er nicht, sich nach unten zu beugen. Seine positiven Visualisationen
lässt er einzig zu dem Zweck aufleben, einen verborgenen Tempel der
Herrlichkeit zu erbauen, in dem er anrufen und beten kann. Er meditiert, um für
die Kräfte des Alls würdig zu werden. Er will ihrer würdig werden aus Sehnsucht
und Verpflichtung nach kosmischer Verantwortung, einzig und allein, um dem heiligen Plan von höchster Stelle als
Berufener auf Erden zu dienen. Höchste Macht bedeutet für ihn ebenso höchstmögliche
Loslösung von persönlichen Belangen. Darum wendet er sich an Gott niemals mit der Bitte um materielle
Wunscherfüllung, denn das, was ihn am meisten von Gott trennt, ist die Materie.
Also sind die Gebete des Magiers vor allem von Lobpreis und Verehrung getragen.
Das bringt ihn näher zu Gott und Seiner Segnung, obwohl er durch die Physis getrennt von Ihm bleibt.
Am
Schluss dieser Gedanken darf der Positivdenker fragen: Wie erlangt man denn
materiellen Erfolg, wenn nicht durch Visualisationen und metaphysische Übungen der
Evolution? Antwort: Natürlich nur mit Visualisationen und Übungen der Involution, die
da heißen: Arbeit, Fleiß, Kreativität, Fleiß und Arbeit! Anders geht es nicht? Nein, ich glaube nicht! Das einzige, was durch metaphysische Übungen geschehen kann, ist eine deutliche Kraftvermehrung, um eben diese genannten Arbeiten vollbringen zu können. Und was meinen Sie?
Gabriele
Quinque,
Artikel
Einblick 1994