Die sieben
Ich-bin-Worte Jesu
aus dem Blickwinkel der Hermetischen Philosophie
Die sieben Ich-bin-Worte Christi
finden wir im Evangelium des Johannes, welches dem Tierkreiszeichen Skorpion
zugeordnet wird; signifikant hierfür ist das Symbol des Adlers, das Johannes
begleitet und als Symbol der Auferstehung von den Toten verstanden wird. Dieses
kultmagisch orientierte Buch unter den Evangelien zeigt auf, welche
Bewusstseinsschritte der Verwandlungsweg vom Menschsein zum Gottsein erfordert.
Die Ich-bin-Worte geben dem Namen des höchsten christlichen Meisters Gestalt
und Dimension. Auf wunderbare Weise kommunizieren sie mit den sieben Wundern
des Johannes-Evangeliums. Wer im Besitz der Schlüssel aus altägyptischen und
antiken Einweihungsmysterien ist, erkennt die grundlegenden Züge von Ritual,
Initiation und Weihe darin. Ohne Mysterienwissen degenerieren die Evangelien
häufig zu einer diesseitigen Morallehre, die den apostolischen Werken nicht
gerecht wird. Die richtig verstandene Bibel verlangt der Menschheit weder
vordergründige Moral ab noch erteilt sie Anweisungen zu zwischenmenschlicher
Sittlichkeit. Die anzustrebende biblische Seinsform will als Frucht des Weges
verstanden werden, der selbstverständlich die Keim- und Blütestufen ritueller
Weihen vorausgingen. So zumindest versteht es die Geheimlehre. Die eigentliche
Herausforderung der Heiligen Schrift lautet demnach nicht: Mensch, werde ein
guter Erdbewohner! Vielmehr besteht die schwierige Aufgabe darin, in den
erlösten Bewusstseinszustand der Ewigkeit vorzudringen. Vor diesem Hintergrund
bedeutet beispielsweise „selig sein“ nicht, hier und heute glücklich zu sein.
Selig zu sein bedeutet, im Jenseits wie Diesseits mit dem ewiglichen Auge zu
schauen und hüben und drüben unsterblich zu sein. Solche Feinheiten von großer
Tragweite werden leicht übersehen, wenn man den Blick ausschließlich auf gutes
Benehmen auf Erden richtet. Das überweltliche Gute Gottes nimmt ausnahmslos
jeden in seine Obhut, der sich ihm zugewandt hat, ähnlich wie die Sonne, die
jeden bescheint, der aus dem Schatten an das Licht tritt. Daraus sei der
Rückschluss erlaubt: Nicht der moralisch handelnde Mensch ist ein wahrer
Christ, sondern der Verklärte, dessen Lichtgewand sich in Aussehen und
Beschaffenheit demjenigen des Menschensohnes angenähert hat. Das hochzeitliche
Gewand der Auferstehung kann theoretisch von moralisch niederen Erdenbürgern
ebenso getragen werden wie von den Sittsamen. Bürgerliche Ethik gehört noch
nicht zu den Kriterien dieses Gnadenbeweises, auch dann nicht, wenn ein großer
Teil eines Volkes daran glaubt. An der Vorstellung schon zu Lebzeiten moralisch
einwandfrei sein zu müssen, um das Glanzgewand des Himmels anlegen zu dürfen,
krankt seit fast Zweitausend Jahren ein falschverstandenes Christentum. Höchste
christliche Tugend erweist sich unabhängig von irdischen Taten, sie ist einzig
zu erlangen durch das mystische Erleben einer direkten Identifikation mit dem
umfassenden Christusgedanken. So wird es uns auf Golgatha mitgeteilt, als
Christus zu dem in letzter Minute den Gott erkennenden Schächer sagt: Heute
noch wirst du mit mir im Himmelreich sein. Die Erde gleicht einer großen
Theaterbühne, wo jeder Schauspieler seine festgeschriebene Rolle mehr oder
weniger überzeugend, mehr oder weniger gut spielt. Am Ende des Dramas fällt
jedoch der Vorhang für jeden Darsteller, unabhängig davon, ob er die Rolle des
Edlen oder Unedlen verkörperte. Der Mensch schlüpft aus seiner irdischen
Verpflichtung, legt die Bühnengewänder ab und wischt die Schminke von seinem
Gesicht. Was dann noch zählt ist allein das Wachsein der Seele. Nur die
erwachten Seelenpersonen wissen, wo sie im Jenseits wohnen und gehen nach
Hause, während die Traumverlorenen in astralen Zwischenreichen umherirren.
Platonische Welterklärung als Basis des urchristlichen Gedankens
Mit der christlichen Idee von der
Ebenbildlichkeit zwischen Gott und Mensch kommt man der erforderlichen Haltung
sehr nahe. Den philosophischen Hintergrund dieser Aussage bildet die
Welterklärung des griechischen Philosophen Plato (427-347 v. Chr.), die etwa
vierhundert Jahre später eine Religionserneuerung nach sich zog. Das Neue an
der Frohen Botschaft der Christenheit liegt darin, nicht nur wie bereits in
vorherigen Religionen einen Gesandten über die Erde schreiten zu lassen (z.B.
Zarathustra, Mithra, Krishna, Osiris oder Apollon), um die Interessen des
Himmels zu vertreten, sondern der höchste Logos, der Alleinige, der höchste
Gott, inkarnierte selbst in einem Menschen. Dieser Umstand erwies sich als
notwendig, denn für Plato besaßen alle Teile der Schöpfung ein Urbild im
göttlichen Bauplan. Die platonischen Particularien galten als
Ausströmungen der Universalien. In diesem Sinne bedurfte es auch eines
Universals für alle Menschen. Da der Allmächtige in seiner jüdisch
monotheistischen Gestaltlosigkeit selbst nicht teilbar sein konnte und deshalb
das Universal seiner gesamten Schöpfung bleiben musste, bedurfte es eines
Repräsentanten der Menschenseelen, der die Seelen für immer an den Himmel band
und einen Sieg der Widersacher unmöglich machte. Dieser war gegeben in dem
Fleisch gewordenen, personifizierten Gottessohn mit dem Namen Jesus Christus,
Gott und Mensch im selben Wesen, eben der Menschensohn! Der platonischen Idee
zufolge geht nun auf alle Teile der Menschheit über, was an ihm bewirkt wird.
Nur unter diesem Gesichtspunkt der Universallehre ist das Heilsblut-Sakrament
zu verstehen.
Das Sohnsein Christi, verbunden
mit der Identität Gottes, als Universalie erklärt somit auch die Menschen als
Particularien zu Kindern des Allmächtigen. Sein Opfer, seine Auferstehung,
seine Himmelfahrt und seine Wiederkehr in der apokalyptischen Höhle ergießt
sich demzufolge in die seelische Erbmasse aller Menschen. Nähe zu dem
Menschensohn zu haben bedeutet ebenso, die Nähe zu Gott einzunehmen. Diese Nähe
nimmt die Sünde hinweg, sprich: die Absonderung von dem Willen der Schöpfung.
Nur was nicht aus der Gnosis, was
nicht aus der Gott-Erkenntnis hervorgeht, bleibt dann noch Sünde. So gesehen
wäre Erlösung ein leichtes Spiel, gäbe es da nicht ein schwerwiegendes
Kernproblem. Das erdzugewandte Kreatürliche im Menschen hat sich von dem
Ursprung der Schöpfung weit entfernt, neigt zur Profanität und sträubt sich
gegen den überirdischen Gotteseinbruch. Dies geht so weit, dass ungeheure
Ängste in einem Atheisten aufsteigen, wenn der purpurfarbene Rocksaum Gottes
auch nur leise vorbeistreicht. Unter solchen Gesichtspunkten ist das Zitat im
Corpus Hermeticum (hellenistische Aufzeichnungen alexandrinischer Geheimlehren)
zu verstehen:
Und man wird die Finsternis
dem Licht und den Tod dem Leben
vorziehen.
Niemand wird zum Himmel hinauf
blicken;
und der Gottesfürchtige wird für
irre gehalten,
der Gottlose aber wird geehrt
werden, als wäre er ein Weiser.
Den Feigling wird man für tapfer
halten
und den Guten wie einen Bösen
bestrafen.
Was aber die Seele und das mit
ihr Zusammenwirkende betrifft
und was die Unsterblichkeit und
alles andere Mysterium angeht,
worüber ich zu euch sprach,
Ammon, Tat und Asklepios,
all dies wird man nicht nur
verlachen,
sondern obendrein Schindluder
damit treiben.
Aber glaubt mir, diese
Ungläubigen werden dennoch in Gefahr geraten,
und ein neues Gesetz wird über
ihnen errichtet werden.
Denn dies ist genannt das
Greisenalter der Schöpfung:
Gottlosigkeit, Ehrlosigkeit und
die Verachtung heiliger Worte.
Corpus Hermeticum
Der Gegensatz der Profanität
liegt auch in dieser gnostischen Formulierung nicht in der Mildtätigkeit oder
Sittsamkeit, sondern allein in der Anwesenheit in einem Heiligtum, gemäß der
Antonyme lat. profan, vor dem Heiligtum liegend, und fanum, das
Heiligtum. Auch der noch so charakterlich einwandfreie Mensch bleibt biblisch
gesehen im Wesenskern ein Sünder, ein Abtrünniger. Gerade dies verstehen zur
Zeit Jesu auch die Pharisäer nicht mehr, sie glauben von Sünde frei zu sein,
weil sie die Gesetze der Thora in ihrer äußeren Struktur befolgen. Aber nach
außen demonstrierte Sittlichkeit und ein verbissenes Einhalten von
alttestamentarischen Vorschriften und Geboten befreit keinen Deut von der
adamitischen Erbsünde. Erst wenn in Adam Kadmon, dem unbewussten Universal der
Menschheit, die Identifikation mit dem voll bewussten Sohn der Gottheit
erwacht, wenn diese Verwandtschaft als Realität gespürt wird, ereignet sich die
"Ver-Sohn-ung", also die Versöhnung von Himmel und Erde. Dann vertreibt
allein diese Gottnähe allen Sündenbegriff.
Die Ich-bin-Worte als Ausdruck der Brüderlichkeit von
Christusgeist und Mensch
Um die Bruderbande zu dem
Menschensohn für jeden Einzelnen zu festigen, gibt es die sieben Ich-bin-Worte.
Diese errichten eine Brücke von der Erde über den Bereich des Sohnes bis zu
Gottes Thron. Anders gesagt, die mittleren Pfade Tav, Samekh und Gimel auf dem
Baum des Lebens werden beschreitbar durch die reichende Hand der Ich-bin-Worte.
Diese können nur initiatisch verstanden werden, denn sie befinden sich
ausschließlich im Johannes-Evangelium, das die Eingeweihten für sich als
Schrift wählen, da es die Pfade höheren Strebens erläutert. Diese Wahl ist
nicht selbstverständlich, da die meisten Höhepunkte des Lebens Jesu in
Matthäus, Markus und Lukas erzählt werden, aber das Evangelium des Adlers
offenbart neben vielen anderen magischen Strukturen auch die Ich-bin-Worte. In
ihnen gibt sich Christus den Menschen zu erkennen, wie er sich Johannes zu
erkennen gab. Wer sagt "Ich bin" ist im Bewusstsein seiner selbst, er
besitzt ein Ego und zeigt auf sich als etwas Einzigartiges. Wenn Jesus
"Ich" sagt, so ist dies dennoch verschieden von einem Menschen, der
das "Ich" zuviel in seinem täglichen Leben auf den Lippen trägt. Das normale
von Geburt an mitgegebene Menschen-Ich hat sich von Gott abgesondert. Das
inwendige Gottes-Ich, das höhere Selbst Christi hingegen, bleibt von Anfang bis
Ende mit Gott verbunden. In diesem Sinne ist Christus das Gottes-Ich im
Menschen. In der Mystik besteht nun das Gebot, das erdzugewandte Menschen-Ich
abzubauen und statt dessen das Gottes-Ich zu Worte kommen zu lassen. Ein
solches mystisches Konzept wird jedoch sogleich lächerlich, wenn man das
Wörtchen Ich im profanen Handeln einfach versucht wegzulassen. Solange das Gottes-Ich
nicht aus dem Menschen spricht, bringt der Verzicht auf den Gebrauch des Ichs
überhaupt nichts. Im Gegenteil, ein solch naives Unterfangen steigert sich in
eine heillose Frömmelei, die sich eines Tages bitterlich rächt und den Menschen
zu Schattenarbeit zwingt. Was heutzutage unter dem hinkenden Begriff
"spirituelle Krise" gehandelt wird, basiert auf den hier dargelegten
Missverständnissen innerhalb einer Glaubenslehre, sei sie östlich oder
westlich. Mit den Ich-bin-Worten knüpft Jesus an den höchsten Gottesnamen an:
EHEJEH - Ich bin der ich bin. In keinem anderen Evangelium spricht Jesus so
häufig in der Ich-Form wie in der johanneischen Schrift. Über den Menschensohn
geht der Christus-Impuls in die Menschheit ein: Volle Individualität zu erlangen
und diese in Gott einzulagern, darin liegt das Besondere am christlichen
Heilsweg. In dem Mysterium der sieben Ich-bin-Worte nimmt die Auflösung des Ego
keinen Raum ein. Keine vorschnelle Ent-Ich-ung ist gefordert, denn das wäre
christlich gesprochen nur der Frieden von Eden, die anfängliche Gottesnähe im
Schöpfungsgarten, wo unbewusste Einheit regiert, Einheit ohne Selbsterkenntnis.
Aber letztlich bereitet es Gott keine große Freude, von einem Menschen geliebt
und verehrt zu werden, der noch nicht von ihm weggegangen ist, der ihn nur
instinktiv liebt, wie ein Jungtier seine Mutter. Gott begehrt die erwachsene
heimkehrende Liebe des vertriebenen Adams, wie sie ihm im Neuen Jerusalem
zuteil wird. Um den Eden-Frieden geht es auch Christus nicht mehr, er sagt Shalom
und meint den Jerusalemer Frieden. Jerusalem ist kein archaischer Garten voller
Pflanzen und Tiere, sondern eine leuchtende Stadt aus Edelsteinen mit
Bewohnern, die ihre Trieb- und Leibseele hinter sich ließen. Nur Könige
(erlöste Egoanteile im Menschen) und Priester (Mystiker, Erkennende) dürfen in
ihrer Geistseele in die Stadt eintreten, um sich dort mit der Gottseele zu
vermählen. Das Christentum verlangt deshalb nicht das unmittelbare Leerwerden
von Absichten, es besteht jedoch auf der Transformation persönlicher Absicht
zugunsten Gottes. Der Abendländer bleibt bis zu seinem Ziel weltzugewandt, bis
er sein eigenes kleines Menschen-Ego aus der namenlose Masse erhöht und mit dem
Menschensohn identisch gemacht hat. Erst wenn ein Mensch mit dem Universal
verschmilzt, kann er genau wie Christus sehr selbstbewusst sagen: Ich und
der Vater sind Eins. In dieser Tatsache liegt das Wesentliche des
Christus-Gedankens, das unter anderem an den Intonationen erkennbar wird: Das
hinaufschmetternde HALLELUJAH im von Menschenkunst erbauten Dom löst das
wurzelsuchende AUM in der naturgegebenen Felsenhöhle ab.
Wer bin ich?
Wer bin ich und wer soll ich
sein? So ergeht die tiefste mystische Frage des Christentums. Die Antwort
lautet: Du bist eben nicht nur Mensch, auch nicht nur Menschheit, sondern du
sollst Menschensohn werden, der Christus nachgefolgt und sich mit ihm unlöslich
verbunden hat. Im Paradies, in Eden, wird die Frage an den Menschen noch
räumlich formuliert: Wo bist du, Adam? Das ist die Frage an den Kindzustand
des Menschen, an den soeben erschaffenen, den unbewussten Menschen, der in Eden
vegetiert und nach seiner Verbannung existiert. Jesus hingegen wird von Pilatus
gefragt: Wer bist du? Dies bezieht sich auf die individuelle
Persönlichkeit, auf den erwachsenen Menschen, der den Garten Eden längst
verlassen hat und das Paradies mit Hilfe seiner eigenen Erfahrung neu
definiert: JERUSALEM. In seinem sinngemäß oft wiederkehrenden Wort: Der mich
gesandt hat, ist mit mir; er lässt mich nicht allein, weil ich allezeit tue,
was ihm wohlgefällt, liegt der Beweis für das Fernsein der Ich-bin-Worte
Jesu von selbstherrlicher Egozentrik. Sie sind Gottesbild, das Ebenbild Seiner
Glorie; sie entspringen einer heiligen Demut, die nur Ergebnis eines errungenen
Sieges über den Hochmut sein kann.
Die Ich-bin-Worte erfüllen
demzufolge den Auftrag einer höheren Instanz, sie sind Ausdruck des kosmischen
Dienstgrades Jesu. Diesen Bereich berührt irdische Dienstbarkeit niemals.
Diakonie, also Arme speisen, Kranke pflegen oder Boden schrubben mag ein guter
Anfang sein, ersetzt jedoch die heilige Demut nicht. Diakonie in sichtbarer
Form bleibt oftmals äußere Kompensationen eines inneren Hochmuts, freiwillig
geleistet, wenn er erkannt wurde, unfreiwillig durch das Schicksal eingeklagt,
sofern er im Schatten der eigenen Wahrnehmung liegt. Wer nicht bereit ist, eine
gewisse Schonungslosigkeit sich selbst gegenüber aufzubringen, erleidet den
Mangel an Selbsterkenntnis und wird Opfer seines Schicksals. Erst durch die
persönliche Identifikation mit den Ich-bin-Worten Jesu beginnt eine kosmische
Dienstbarkeit jenseits persönlicher Interessen.
Jesus flieht die Welt nicht, er
nimmt sein Kreuz auf sich, macht sich die Welt untertan, indem er ihren
Gesetzen Gefolgschaft leistet. Darüber hinaus wirkt Jesus Wunder und definiert
sich damit als Eingeweihter. Was für diesen ein einfacher Prozess ist,
erscheint dem Ungeweihten als Wunder, denn er ist gezwungen, sich zu wundern.
Die sieben Ich-bin-Worte gehen einen harmonischen Bund mit den sieben Wundern
im Johannes-Evangelium ein; erstere stehen für die Individualkraft Jesu, und
die Wunder können wir als Offenbarung dieser Kraft erkennen. In der Begegnung
mit der Samariterin am Brunnen bereitet Jesus die sieben Ich-bin-Worte vor und
sagt zu ihr: Ich bin das Gottes-Wort, als solches spreche ich mit dir. In
den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer spricht Christus: Ich bin der
himmlische Tau und das Öl der Erde. Ich bin das feurige Wasser und das wässrige
Feuer, und ohne mich kann in der Welt nichts leben. Wir erkennen in beiden
Selbstbezeichnungen die Identifikation des Universals mit seinen Partikeln.
1. BROT: Solare Speisung
Ich bin das Brot des Lebens (Joh 6, 35)
Wunder: Brotvermehrung und Speisung der Fünftausend (Joh 6,5-13)
Brot ist seit Beginn des
zivilisierten Daseins eine Grundnahrung, die sich zu jeder anderen Speise
gesellt. Da es anfänglich rund gebacken und mit einem Kreuz versehen wurde,
steht es analog für den Geist, wie die Sonne und der Tierkreis. Welche
Lebenssituation sich der Mensch auch einverleibt, durch den solaren
Gesichtspunkt ergänzt, wird sein Schicksal ihm zur Erkenntnis gereicht. Wer
keine solare Schau besitzt, verwickelt sich ungut in der Welt, da er die Schuld
für die eigenen Verfehlungen stets im Außen sucht. Mit Hilfe der solaren
Sichtweise weiß der Mensch sich von der Gottheit erschaffen und sieht in allem,
was ihm widerfährt, eine göttliche Unterweisung. Allein mit diesem seelischen
"Brot" erkennt man die Wahrheit in folgendem Zitat:
Es gibt nichts wirklich Böses.
Was uns als Böses erscheint,
ist von Gott aus gesehen
eine Erweckung des Guten.
Franz Spunda (1890-1963)
Bei der
Speisung der Fünftausend gibt es zwei Fische und fünf Brote. Die Fische stehen
für die Erneuerung der Religion im Fische-Zeitalter. Die fünf Brote
symbolisieren die Quintessenz der höheren Erkenntnis, die in das
Menschengeschlecht Einzug halten soll. In der wunderbaren Brotvermehrung
multiplizieren sich die Brote mit Tausend. In der Zahl Tausend verbirgt sich
das ägyptische Wort für Christus, Kh-RST, dessen Lettern im hebräischen
Alphabet einen gemeinsamen Zahlenwert von Eintausend haben (Qoph - 100, Resh -
200, Shin - 300, und Tav - 400 ergeben zusammen QRST oder Kh-RST). Kh-RST oder
hellenistisch Chrestos. So lautete der Titel für einen Initiierten in die
Hochgrade der Osiris-Weihen, und das Wort bedeutete auch damals schon „der
Gesalbte“. Die Letzten werden die Ersten sein - diese Formel bezieht sich auf
die letzten vier Pfade im Lebensbaum, die in den genannten hebräischen
Buchstaben schwingen. Christus kommt als letzte Menschwerdung Gottes bis zur
Erde herab. Er bleibt dennoch der Erstgeborene, denn sein Wesen ist dem Thron
der Herrlichkeit am nächsten, weshalb er das Werk der Erlösung derer vollziehen
kann, die sich mit ihm identifizieren.
Die
Brot-Speisung ist das Symbol der Verabreichung des solaren Wissens. Nachdem die
Fünftausend gegessen haben, ist noch etwas übrig geblieben. Mit der Anweisung: Sammelt
die Brocken ein! meint Jesus die uralte Lehre, die alle Prinzipien des
Tierkreises umfasst. Also werden zwölf Körbe gefüllt, und zwölf Apostel tragen
das Solare darin in die Welt hinaus. Der Tierkreis mit seinen daraus
hervorgehenden persönlichen Horoskopen eignet sich auch für eine lunare
Betrachtung, d. h. für die Untersuchung planetarischer Analogien im
persönlichen Schicksal. Aber die unerlässliche Erhöhung dessen liegt in dem
Wissen, dass in den Körben des Horoskops, sprich in seinen Zeichen, nichts
anderes liegt als die solare Speisung der Götter. Ambrosia sagen die Römer,
Manna die Juden und Brot Christi die Christen. Wer diese solare Speisung im
Tierkreis eines Tages auffindet und sich in seinem Wesen davon erhöhen lässt,
betreibt Astrologie (Sternenlogos, Sternenvernunft) im besten Sinne der Alten.
Das Brot-Wort
kleidet sich in drei Gewänder ein, die in demselben Kapitel zu finden sind. Zum
ersten heißt es: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht
mehr hungern. Wer an mich glaubt, wird nicht mehr dürsten. Hunger
und Durst beziehen sich hier weniger auf das körperliche Verlangen als auf den
Durst der Seele. Von Heiligen ist freilich bekannt, dass in dem Maße, wie sie
Gott näher kommen, sie weniger Nahrung benötigen als andere Menschen. Darum
setzt sich das Gleichnis bis in das Körperliche fort, wenn ein gewisser Grad an
Illumination erreicht ist. Im zweiten Gewand des Brot-Wortes hören wir: Ich
bin das Brot des Lebens, Eure Väter haben in der Wüste Manna gegessen und sind
gestorben. Hier aber ist das Brot, das aus dem Himmel herabkommt, dass man von
ihm esse und nicht sterbe. Hier spricht Christus von der Überwindung des
Todes, von initiatischen Wiedergeburtsriten, die durchgeführt werden müssen, um
dafür zu sorgen, dass die Seele auf ihrem Jenseitsweg nicht vergeht. Auf der
Wüstenwanderung wurde der leibliche Hunger des Volkes Israel gestillt von dem
Brot, das vom Himmel regnete, aber es drang nicht in die Kollektivseele durch,
darum sagt man, sie seien gestorben und meint das geistige Sterben einer
Menschheitsstufe, die noch keinen Anteil an dem himmlischen Universal des
Menschensohnes hat, das heißt, den Gott im Himmel zwar verehrt, ihn jedoch im
eigenen Herzen nicht antrifft. Das dritte Gewand lautet: Ich bin das Brot,
das lebende, das aus dem Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst,
wird in Ewigkeit leben, und zwar ist das Brot, welches ich geben werde, mein
Fleisch für das Leben des Kosmos. In den ersten beiden Gewändern werden dem
Leben das Brot der solaren Tradition und die Patenschaft des Geistes zugefügt.
In der dritten Formel begründet Christus den Ritus der Eucharistie, indem er
seinen eigenen Leib als Brot gibt. Damit ermahnt Jesus an das kosmische Gesetz,
das den Eingeweihten vertraut ist: Jede Wesenserhöhung vollzieht sich durch das
rituelle Opfer niederer Anteile. Eine Erhöhung ohne Opfer bleibt das Werk eines
machtbesessenen Dämonen. Mit dem Opfer beginnt das Werk der Heiligen. Je
opferbereiter ein Mensch wird, umso liebesfähiger ist er auch. Christus, das
Urbild opfert sich, und dies wirkt sich auf alle Menschen aus. Das tägliche
Brot erhebt sich zum vereinigten Liebesmahl, zur Agape für alle Menschen.
2. LICHT: Schattendurchlichtung und höhere
Erkenntnis
Ich bin das Licht der Welt (Joh 8, 12)
Wunder: Heilung des Blindgeborenen (Joh
9,1-41)
Licht steht in
der Einweihungstradition immer für den Aspekt des Sonnenaufganges. Oriente lux,
das östliche Licht zur Stunde des Sonnenaufgangs, steht für eine geistige
Horizonterweiterung, für eine höhere Erkenntnis, eine mystische Tempellehre.
Die Gewänder des Licht-Wortes heißen: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir
nachfolgt, wandelt nicht in der Finsternis, sondern hat das Licht des Lebens.
Diese Aussagen eröffnen die Perspektive ewigen Wachseins und schließen den
Besitz des Lichtes ein, sodass man selbst zu leuchten imstande ist.
Das Wunder von
der Heilung des Blindgeborenen schließt sich dem Licht-Wort an. Die Jünger
fragen, wer Schuld an der Blindheit habe, er selbst oder seine Eltern. Jesus
bekundet, dass er nur blind sei, damit das Werk Gottes sich an ihm offenbare.
Und er fügt das folgende Wortgewand hinzu: Solange ich in der Welt bin, bin ich
das Licht der Welt. Dann streicht er dem Blinden Erde mit seinem Speichel
gemischt auf die Augenlider. Damit speist er ihn mit seinem eigenen Wesen, denn
Speichel ist ein intimes Sekret. Jesus schickt ihn danach in den Teich Siloah,
um sich dort zu reinigen. Dieser Teich gilt als Heilsbrunnen, weshalb man von
dort das Wasser für heilige Zeremonien nimmt. Das Wasser des Teiches holt
verdrängte Seelenaspekte hervor. In der Sprache griechischer Mystik ist die
Bewohnerin des Teiches die Göttin Hekate, die dunkelste aller Mondgöttinnen.
Hekate zieht den Aspiranten in die Tiefe und weiht ihn in sein zeitloses
Geheimnis ein, lässt ihn gleichsam in seinem Schattenbuch lesen. Wenn das Licht
im Osten richtig strahlen soll, so muss ein uralter Teich im Westen gefunden
werden, wo mit Hilfe einer Mondgöttin der Abstieg in den Sumpf der Urseele
erfolgen kann. Therapeutisch gesprochen geht der Blindgeborene nicht in dem
Teich baden. Er reinigt sich auch nicht nur physikalisch von der Erde, die
Jesus auf seine Lider strich. Er sucht vielmehr im tiefen Teich einer geführten
Trance nach seinen versunkenen Seelenanteilen. Davon wird er sehend. Fehlt
dieser Abstieg in das Urgrauen auf dem Weg zum Licht, so manifestieren sich die
Schatten aus dem Unbewussten, greifen den Strebenden an und machen ihn krank.
Kaum ist der Blinde im überirdischen Sinne sehend geworden, gerät er in
Konflikt mit den Pharisäern, da Jesus ihn am Sabbat geheilt hat, obwohl an
diesem Tag jede Arbeit untersagt ist. Die im äußeren Gesetz erstarrten Anteile
der Welt schlagen erst einmal zu, wann immer sich ein Mensch im geistigen Sinne
positiv verändert. Wer erwacht, dem wird eine gehörige Portion Missgunst
entgegengebracht, da er den Verdacht erregt, es ginge etwas nicht mit rechten
Dingen zu.
Erfährt der
Mensch eine Initiation, so inspiriert ihn das dort erhaltene Licht, den Weg der
Selbst- und Gotterkenntnis fortzusetzen. Denn ist das Licht einmal als
Erkenntnis im Menschen entzündet, dehnt es sich unaufhaltsam weiterhin aus.
Darum soll sich der Geheilte öffentlich bekennen und sogar im Bezug zu anderen
vollumfänglich selbsterkennend werden. Also spricht auch der Geheilte ein
Ich-bin-Wort. "Ich bin es!", ruft er aus, als jene, die ihn vorher
blind kannten, wissen wollten, ob er es sei. Seine zweite Begegnung mit Jesus
lässt die innere Lampe so hell erstrahlen, dass äußere Bedingungen das Licht
nicht mehr ersticken können. Schließlich bekundet Jesus: Zum Gericht bin ich
in diese Welt gekommen, damit die Nichtsehenden sehen und die Sehenden blind
werden. Christus kehrt gleichsam die Blickrichtung um, von außen nach
innen. Er macht den Sehenden bewusst, wie sehr sie ohne den Abstieg in den
tiefen Teich, den magischen Spiegel der Selbsterkenntnis, Blindgeborene bleiben
werden.
3. TÜR: Schwellenwanderung
Ich bin die Tür (Joh 10, 9)
Wunder: Heilung des Gelähmten
am Teich Bethesda (Joh 5, 1-9)
In dem Tür-Wort
knüpft Jesus an die Türsymbolik der Mysterientraditionen an. Eine Tür führt in
neue Räume, die Tür verbindet den Menschen auch mit dem Wort Gottes, denn von
dem Pfad Daleth aus, der Tür genannt ist, erhält man Einblick in das
Allerheiligste. Auch im Tierkreis heißen die kardinalen Zeichen Türöffner von
lat cardinis, Türangelpunkt. Ein Kardinal versteht sich somit als ein Türöffner
zum Heiligtum. Ägyptische Wandgemälde zeigen häufig Türen, manchmal gleich
mehrere übereinander, zum Zeichen für das Durchschreiten der Himmelstüren und
Unterweltspforten. Das Unterweltsbuch der Ägypter heißt darum auch Pfortenbuch.
Die gnostische Jenseitsvorstellung richtet sich sehr nach ägyptischen
Vorbildern, darum hat die Seele nach ihrem Ableben zwölf Pforten zu durchgehen,
die in die zwölf Urprinzipien führen, deren Qualität sie in sich selbst
wiederfinden soll. In der Terminologie der Tempelritter erscheinen ebenfalls
neun sichtbare und drei unsichtbare Pforten, die den neun Schwellen
entsprechen, welche die Gold- und Rosenkreuzer überschreiten.
Auch das
Tür-Wort hat Gewänder, die eine Definition geben. So kommt es in diesem
Zusammenhang zu der Aussage: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer nicht zur
Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein
Dieb und ein Räuber (Joh 10. 9). Dies meint, wer ohne gesegnete Tradition
versucht, höhere Bewusstseinsebenen zu erschließen, ist derer nicht würdig. Ob
Drogen oder Selbsttäuschung, das eine ist so schlecht wie das andere. Ein
nächstes Wortgewand lautet: Der aber zur Tür hineingeht, der ist der Hirte
der Schafe. Dem macht der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme.
Der wahre Hirte ist an einer magisch wirksam arbeitenden Tradition angebunden.
Nur aus dieser Anbindung heraus kann er einen in der Erde Erstarrten, also eine
“gelähmte Seele” über die Schwelle helfen. Dies ist ein Umstand, der von den
meisten Therapeuten heutzutage vergessen wird, meinen sie doch irrtümlich, ihre
Kenntnisse von Psychotechniken wären ausreichend. Da auch die Jünger diese Rede
Jesu nicht verstehen, wiederholt er sie in einem Ich-bin-Wort: Ich bin die
Tür zu den Schafen, wenn jemand durch mich hindurchgeht, wird er selig werden,
er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Hier wird die Esoterik des
Johannes-Evangeliums ganz offenbar: Christus übernimmt alle zukünftigen
Einweihungsmysterien und macht sich selbst zu deren Paten. Johanneisch nennen
sich die Nachfolgeorganisationen der Gnostiker. Es sind Tempelritter,
Freimaurer, Rosenkreuzer, Gralsritter und andere Brudergemeinden; allesamt sind
sie christlicher Wurzel, freilich mit höchster Toleranz anderen Religionen
gegenüber.
Folgendes Wunder
offenbart das Wesen der Tür-Worte. Bei dem Schaftor, das zu einer Schafherde
führt, liegt der Teich Bethesda, das bedeutet Haus der Barmherzigkeit, der
Gnade (Beth und Chesed). Dieser Teich ist bekannt für seine Heilungen, es
befindet sich eine Art unterirdischer Strudel darin. Man sagte zu Jesu Zeit, er
würde von einem Engel bewegt, der ab und zu hinein stiege und nach dem Holz
sehe, das seit dem salomonischen Tempelbau dort liege und ein Teil des
Aaron-Stabes sei. In der Nähe dieses legendären Teiches trifft Jesus einen seit
38 Jahren Gelähmten. Aus eigener Kraft gelangt er nicht zu dem Teich hin. Jesus
fordert ihn jedoch auf, sich zu erheben und zu dem Wasser zu gehen. Da steht er
auf und ist gesund.
Gelähmt sein
heißt unbeweglich sein. Wer stets in demselben Bewusstseinsraum verweilt, ist
wie gelähmt, er dreht sich nur noch um sich selbst, harrt bei einem einzigen
Lebensthema aus und lässt keinen Neubeginn zu. Christus führt über die Schwelle
in neue Räume und erweitert den Horizont nach oben. Einweihungsriten stellen
den Suchenden häufig vor geschlossene Türen und öffnen sie rituell, damit der
Myste in neue Erkenntnisräume eingehen kann. Einen radikalen Wandel im
Bewusstsein schafft der Mensch ohne Bruderkette nicht. Weder das Studieren der
Geheimlehre noch diesseitig ausgerichtete Therapien tun die Pforten zur
Ewigkeit auf.
4. HIRTE: Herold der Bruderschaft
Ich bin der gute Hirte (Joh 10, 12)
Wunder: Wandeln auf dem See (Joh 6, 16-21)
Christus ist in
diesem Ich-bin-Wort der Hirte, die Bruderschaft die Herde. Ganz bewusst nimmt
man als kultische Führerfigur durch die Mysterien keinen lebenden Menschen, der
die Normalität nicht durchbricht. Es muss einer schon auf dem See wandeln
können, um ein guter Hirte zu sein. Davon gibt es nicht allzu viele, also
verlässt man sich auf den Oberhirten und verknüpft Wesensteile von ihm mit
Figuren wie Echnaton, Apollonius von Tyana; Hiram, Johannes oder Christian
Rosenkreuz. Das entsprechende Wunder zum Hirten-Wort ist das Wandeln auf dem
See. Als Universal aller Menschenseelen geht der Menschensohn über das Wasser,
das bedeutet, er behält stets seine Individualität und bleibt frei von dem Sog
der Kollektivseele im Astralbereich. Ergreift er mit seiner Hand den Menschen,
wie er es an Petrus demonstriert, so errettet er diesen vor dem astralen
Untergang.
Wer solch einen
Hirten hat, darf sich wohlbehütet wissen. Gemäß des alexandrinischen Corpus
Hermeticum, wo Hermes von Pymander, dem Menschenhirten, Unterweisung und
Erlösung erfährt, macht sich auch Jesus im Hirten-Wort zu einem Boten, der sich
aus dem Inneren des Menschen kundtut. Er stellt sich vor und offenbart, wer er
ist: Der gute Hirte.
Das
Hirten-Wort trägt viele Gewänder: Der gute Hirte gibt sein Leben hin für die
Schafe. Da heißt es manchmal, beharrlich auf dem Pfad der Gralssuche
weiterziehen zu müssen und nicht am Wegrand bei jenen zu verweilen, die
Montsalvat weder sehen noch wissen, welcher Verzicht an einem bestimmten Punkt
des Weges unweigerlich eingeklagt wird, um diesem Heilsberg näher zu kommen. Der
bezahlte Knecht aber, der nicht Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören,
lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der
Wolf reißt die Schafe und jagt sie auseinander. Der schlechte Hirte flieht,
weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Der
Mensch findet nicht zu seiner kosmischen Aufgabe, wenn er keine Anbindung am
Himmel besitzt und eine materielle Belohnung für seinen Gottesdienst erwartet.
Er sollte die heiligen Dinge ohne Kosten- und Nutzenrechnung in seinem Herzen
bewegen, nur dann wächst seine Aufgabe und mit ihr die Verantwortung. Dies geht
einher mit dem Wissen um die Einlösung eines hehren Gesetzes, das nicht
zurückschreckt, Konsequenzen einzuklagen. Wenn der Hirte dies nicht nur weiß,
sondern sogar erfüllt, darf er die folgenden Worte formulieren: Ich bin der
gute Hirte. Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der
Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die
Schafe. In diesem so einfach klingenden "Kennen" liegt das
Geheimnis des Traditions-Schatzes, den jede Religion besitzt, unabhängig davon,
ob der Einzelne den Schatz hebt oder nicht. Der Hirte stellt sich zwischen
Mensch und Gott und verbindet sie miteinander. Und er weiß, dass der Abstand so
ungeheuer groß sein kann, die Verschiedenheit so gewaltig, dass es ihn als
Mittler zerreißen muss. In dieser Bereitschaft liegt das Opferwerk von
Gottessöhnen und Heiligen. Der innere Geistesfunke bleibt auch dann bei der
Seele, wenn der Mensch ihn unwissentlich bekämpft, er verlässt die Seele nicht,
obwohl er die Freiheit dazu besäße. Er gibt sich bewusst hin und zeigt sich
global beamtet. Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall
sind. Auch sie muss ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören. Dann
wird es nur eine Herde geben und einen Hirten. Das Christusprinzip sieht
sich selbst überkonfessionell, es ist das Universal, das seine Partikel sammelt
und versorgt.
5. AUFERSTEHUNG: Wiedergeburt durch
Mysterienschlaf
Ich bin die Auferstehung und das Leben (Joh
11, 25)
Wunder: Auferweckung des Lazarus (Joh 11,
1-44)
Im Evangelium
des Johannes findet der rituelle Mysterienschlaf, wie er in der Antike üblich
war, seine mythologische Einkleidung in der Geschichte von der Erweckung des
Lazarus. Unter den zwölf Aposteln war Johannes der einzige, der gründlich in
die geheime Bedeutung der christlichen Lehre eingeweiht war. Mit diesem Jünger
konnte Jesus esoterisch kommunizieren, alle anderen verstanden nur die
exoterische Lehre, wie sie sich später in der weltzugewandten Petruskirche
ausdrückt. Das Gleichnis von Lazarus trägt in vielen Schichten das Signum des
Tempelschlafes. An Lazarus wird
gezeigt, wie der Astralkörper nicht mehr locker genug mit dem physischen Körper
verbunden war, weshalb er die Projektion seiner Psyche nicht überlebte.
Jesus weiß um den initiatischen Aspekt des Tempelschlafes, jedoch Martha und
Maria, die Schwestern des Lazarus, wissen es nicht, denn sie senden Boten zu
Jesus und lassen ihm sagen: Herr, siehe, den du lieb hast, der liegt krank.
Aus der
Formulierung "den du lieb hast" leiten viele ab, Johannes und Lazarus
seien identisch. Tatsächlich gibt es eine griechische Ikone, die Lazarus im
Grab zeigt und nur elf Jünger außen um das Grab herum. Als Jesus die Botschaft
der Schwestern vernimmt, spricht er die großen Worte, die den tieferen Sinn des
Tempelschlafes wunderschön beschreiben: Diese Krankheit ist nicht zum Tode,
sondern zur Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht
werde. Das Wort "Ver-Herr-lichung" will in diesem Zusammenhang als
Annahme der göttlichen Macht verstanden werden. Die Omnipotenz Gottes und der
Sonnenlogos als Mittlerprinzip werden verherrlicht. Das kleinere Ich trägt das
größere Selbst. Der Mond nimmt das Licht der Sonne ganz auf.
Jesus bleibt
anfänglich gelassen, da er die Technik des Mysterienschlafes kennt. Dann aber
macht er sich auf den Weg zu jener Höhle, in der Lazarus seit vier Tagen liegt.
Das ist ein halber Tag zu lange für den induzierten Seelenflug. Jesus weiß,
Lazarus ist wirklich bei der Prozedur gestorben. Der Astralkörper war gelöst,
fand jedoch nicht mehr in den physischen Körper zurück. Als Jesus den Ort
erreicht, findet er die Schwestern Martha und Maria in Trauer. Jesus spricht
dann zu Martha die traditionellen Worte der Essener und anderer Orden, die
anlässlich einer zweiten Geburt gesprochen werden: Dein Bruder wird
auferstehen.
Martha versteht
dieses geheime Mysterium nicht und glaubt, Jesus rede von der Auferstehung am
Jüngsten Tag. Dieser profanen Haltung des weiblichen Prinzips wird nun die
männliche, geistige Unterweisung gegenübergestellt, indem Jesus die sehr
bekannten Ich-bin-Worte spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer
an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebet und
glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Hier erklärt Jesus, dass er
den Christusgeist trägt und somit die Kraft besitzt, dem Menschen jenen
begehrten Auferstehungsleib (Diamantleib) zu geben, sofern dieser bereit ist,
sich mit dem Geist des Alls rituell zu verbinden. Das Wort glauben führt die
Menschen bisweilen zu einer machtlosen frommen Haltung, was jedoch nicht der
wirklichen Aufforderung der Heiligen Schrift entspricht, wenn dort von Glauben
die Rede ist. Glaube ist Gnostik, Erkenntnis, und gehört zu einer
Jupiter-Analogiekette, bedeutet also in der Bibel niemals blindes, unwissendes
Vermuten oder passives Hinnehmen. Wirklich glauben heißt vielmehr, innere
Erfahrungen gemacht zu haben, die keiner äußeren Beweise mehr bedürfen, da sie
in eine absolute Gewissheit führten und sich in einem aufrichtigen Bekenntnis
offenbaren. Wenn nun Jesus die Menschen auffordert, an den Christus in ihm zu
glauben, dann will er sagen, sie sollen den göttlichen Schöpfungsimpuls in ihm
erkennen. Wenn sie diesen dann schließlich sehen können, sind sie selbst soweit
erkennend, dass sie in ihrem höheren Wesensanteil erwachen und mit dem Großen
Werk beginnen können, ihren unsterblichen Leib weiter auszubilden. Deshalb
erwidert Martha, nachdem sie erkannt hat: Ja, ich glaube, dass du bist der
Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.
Jesus lässt den Stein vor der Höhle, in
welcher der verstorbene Lazarus liegt, wegheben und ruft die Worte: Lazarus,
komme heraus! In diesem Wunder erleben wir Christus in seiner Tätigkeit als
Hohenpriester, der einen Kandidaten laut bei seinem Namen rufend aus dem
Mysterienschlaf zurückholt. Weil Christus der Geist selber ist, gelingt es ihm,
den abgetrennten Astralkörper des Lazarus wieder an dessen Physis zu binden.
Bei den folgenden Bibelworten erfasst man die Ähnlichkeit mit den
Mumifizierungspraktiken der ägyptischen Osiris-Weihen: Und der Verstorbene
kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Gesicht
verhüllt mit einem Schweißtuch. Auch die Worte, die Jesus spricht, wenn
Lazarus das Grab verlassen hat, entstammen der Mysteriensprache, er sagt
nämlich: Löset die Binden und lasst ihn gehen!
Was geschah
hier? In welcher Hinsicht hat Jesus Christus in diesem Mythologem den
Tempelschlaf in seiner Durchführung geändert? Die Antwort lässt sich sehr kurz
formulieren: Die irdische Person des Lazarus wurde miteingeweiht. Darin lag das
Neue! Das sterbliche Ich erhielt in dem traditionellen ägyptischen Tempelschlaf
keine bewusste Erinnerung an frühere Leben oder makrokosmische Exkursionen. Es
befand sich in einem hypnotischen Schlaf, und lediglich der Astralleib
unternahm eine ausgedehnte Reise in die Bilderwelt jenseits der vordergründigen
Wahrnehmung. Das Ego des Menschen behielt bloß vage Eindrücke einer langen
Reise zurück, die ihn klar werden ließen, dass wohl in ihm noch viele andere
Identifikationen vorhanden sein mussten als die aktuelle. Aber leider gelangten
diese Bilder nicht in die Bereiche des Intellektes, und vermochten somit nicht in
eine Erkenntnis erhoben zu werden. Lazarus starb in der alten Praktik wirklich.
Der begleitende Mystagoge konnte seine Seele nicht mehr in den stofflichen
Körper zurückholen, da sie mit der Ablösung des Astralleibes in die Transition
gegangen war. In ägyptischen Bildern ließe sich sagen, Lazarus trat
gewissermaßen nach seinem körperlichen Tode in Kontakt mit Osiris und durfte in
seinem Lebensbuch lesen. Das brachte Lazarus die volle Jenseits-Weihe. Er sah
und erkannte seine verdrängten Identifikationen, und seine Seele vereinte sich
mit ihren höheren Anteilen. Der Sonnenlogos selbst, Christus, der
Schöpfungsimpuls, holte Lazarus wieder in das Leben, und Lazarus durfte die
komplette Erinnerung an sein Wissen behalten. Darum sagt Christus: Ich bin
die Auferstehung und das Leben.
6. WEG, WAHRHEIT, LEBEN:
Ewigkeitsbewusstsein
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben
(Joh 14, 6)
Wunder: Heilung des Sohnes des königlichen
Beamten (Joh 4, 46-54)
Dieses sechste
Ich-bin-Wort erfolgt nach der Frage des ungläubigen Thomas, der sagt: Herr, wir
wissen nicht, wo du hingehst, wie können wir den Weg wissen. Da Christus aber
die Erde verlassen wird sagt er: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das
Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich. Diese Aussage bezieht sich
wiederum auf den vorbereiteten Weg, auf eine geprüfte Tradition. Das "Ich
bin", das Gottes-Ich im Menschen, ist der Weg. Jesus gleicht als der
Wanderer über die Erde dem Menschen, Christus aber fährt gen Himmel, darum ist
Christus der Weg zu Gott. Die einzige Wahrheit ist die Gottseele, die Neshamah
in der Kaballah. Wer diese bereits auf der Erde verwirklicht, lebt auf der
Bewusstseinsebene mit der Bezeichnung Neues Jerusalem. Wahrheit ist darum hier
keine Erdenwahrheit. Die Erde ist das Land der Lüge, Wahrheit gibt es nur
außerhalb von Raum und Zeit. Auch unter Leben versteht sich hier nicht das
diesseitige, sondern der Urgrund aller Lebendigkeit, das Wasser aus der Quelle
des Allmächtigen, ein Leben, das der Mensch von Natur aus noch nicht besitzt,
das er sich aber auf dem Pfad Christi erarbeitet.
Das Wunder zu
diesem Ich-bin-Wort ist eine Fernheilung. Jesus weiß, eigentlich ist es
verpönt, solche Wunder außerhalb der Tempelmauern zu zeigen, aber das Wunder
ist des Glaubens liebstes Kind, also offenbart er, was aus der Sicht der
Pharisäer verborgen bleiben muss. Jesus begegnet einem königlichen Beamten,
dessen Sohn todkrank ist; er bittet Jesus in sein Haus zu kommen. Aber Jesus
geht nicht mit, er sagt nur: Gehe hin, dein Sohn lebt! Der Hohe Beamte
wandert heim und kommt am nächsten Tag an. Seine Knechte eilen ihm entgegen:
Dein Kind lebt! So rufen sie. Es ging ihm von der siebten Stunde des gestrigen
Tages an besser. Dies war der Moment, in dem er mit Jesus gesprochen hatte. Das
kranke Kind des königlichen Beamten kann auch als seine eigene Seele gelesen
werden, die Seele liegt immer so lange wie tot im Menschen, bis sie erweckt
wird.
7. WEINSTOCK: Magische Tradition
Ich bin der wahre Weinstock (Joh 15, 1)
Wunder: Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2, 1-11)
In dem letzten
Weinstock-Wort findet der christliche Weg seine Zusammenfassung. Jesus ist der
Weinstock, Gott der Weingärtner, die Menschen sind die Reben. In der Folge
dieses Wortes sagt er: Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander
liebt, wie ich euch liebe. Dies wird vielfach zu einfach gedeutet, da man
sich gerne etwas vormacht und glaubt, es sei leicht, alle Menschen zu lieben.
Aber Menschen lieben sich nicht zu jeder Zeit wirklich. Im Alltag ist es nicht
immer möglich, weshalb diese Liebe zu großen Teilen geheuchelt wird, was sich
darin beweist, dass es sehr schnell aus sein kann mit der Liebe. Bricht man in
das Gehege von Wertmustern und persönlicher Weltbetrachtung eines Erdenbürgers
ein, vergisst er das Gebot der Nächstenliebe umgehend. Erst der therapierte Mensch,
der die Mysterien durchwandert hat, d.h. der um seine Schatten Bereicherte,
lernt ein wenig zu begreifen, was wahrhaft lieben heißen könnte. Die Steigerung
zeigt sich bei dem Initiierten, der ohne Anstrengung von selbst den Bruder
liebt, sofern dieser sich auf die geistige Bruderschaft zu beschränken vermag
und nicht die Ebenen vermischt. Die Liebe Christi bezieht sich auf die oben
beschriebene Lehre des platonischen Urbildes. Wenn das Universal die Partikel
liebt, breitet sich diese Liebe auch unter den Teilen aus, so verkündet es das
Gesetz Platons.
Im Wunder zu
Kana ärgert der Meister Jesus die Leiter der damaligen Geheimorden, indem er
anlässlich der Hochzeit zu Kana öffentlich Wasser in Wein verwandelt. Diese
Transmutation war jedoch ein überliefertes heidnisches Kultgeheimnis, denn es
gehörte in die griechischen Dionysien. Von großer Wichtigkeit ist die
Beauftragung durch Maria, der Mutter Jesu, die den einfachen Hinweis gibt:
Tut was er euch sagt. Jesus sagt: Füllet die Wasserkrüge mit Wasser!
Er kürzt dann den Vergeistigungsprozess ab, worauf Wein entsteht. Als
Ganzheitsprinzip verfügt er über die Kraft, die verkörperte Menschenseele in
den Allgeist zu erheben, was sich einige Ebenen tiefer als alchemistische
Transformation von Wasser zu Wein offenbart.
Gabriele Quinque
Literaturempfehlung:
Rudolf
Steiner: Das Johannes-Evangelium
Arthur
Schult: Das Johannesevangelium
als
Offenbarung des kosmischen Christus
Franz
Hartmann: Jehoshua, der Prophet von Nazareth
Gabriele Quinque, Tempelschlaf,
Grundlagen
der Trance-Arbeit (Lazarus-Mythos)