Die Aufstellung der Heiligen Familie:
Jesus, Maria und Josef
Die Heilige Familie der Christen zieht zu Weihnachten
große Aufmerksamkeit auf sich. In allen Kirchen und auf vielen Heimaltären
erblicken wir die Aufstellung der Heiligen Familie mit Hirten, Ochse und Esel im
Stall und dem Eintreffen der Heiligen Dreikönige.
Eine Familie definiert sich
als irdische Gemeinschaft. Noch vor zweihundert Jahren galt eine Familie als
Verbund von drei bis vier Generationen mitsamt aller häuslicher Dienerschaft
unter einem Dach. Das ist schon eine kleine Gemeinde. Noch heute werden die
Krippenfiguren als Symbol von Frieden und Einigkeit innerhalb der Familie zu
Weihnachen aufgestellt. Mit der Heiligen Familie wächst die profane Familie
über ihre eigenen Sorgen und Nöte hinaus, eben gerade weil in der eigenen
Familie meistens nicht alles in Ordnung ist. Diese heilige Familienaufstellung
bringt den Segen einer durchweg erwachsenen Grundhaltung mit sich. In der
Symbolik der Heiligen Familie hat eine auf persönliche Bedürfnisse
ausgerichtete Psychologie keine Chance. Was mythologisch in Bethlehem
stattfindet, greift inhaltlich weit über das normale Familienleben hinaus.
Weihnachten kann demnach als Erhöhungsfest des familiären Lebens begriffen
werden.
Es ist leichter, einen starken Charakter zu
entwickeln,
wenn die Bedrängnis der Erde als gegeben hingenommen wird!
So heißt es in der
Überlieferung aller Mysterienschulen. Deshalb eröffnet sich in der
Heiligen Familie eine Dimension kosmischer Geborgenheit, wird doch an ihr gezeigt, dass sich die Wanderung des Lichtes durch die Erdschlucht zwar enorm
schwierig gestaltet, aber gerade deswegen Einigkeit und Frieden untereinander
herrschen sollte.
Für ein Leben, das ganz Gott
geweiht ist, stehen Maria und Josef. In ihren gewaltigen Aufgaben, die sie in
stillem Jubel bewältigen, liegt auch schon der religiöse Schlüssel, der
heutzutage vielen Menschen abhanden gekommen ist. Ähnlich wie die Pietà den
Menschen aus seinem Leid befreien kann, weil sie das Todesleid in das Mysterium
der Zweiten Geburt und der geistigen Wiedergeburt transformiert, können auch Josef
und Maria alle Drangsale des Menschseins von dem Bann des Entsetzens erlösen und
in ein friedvolles Annehmen verwandeln.
Das Heilmittel aller
Familienprobleme liegt in der Integration des Ideals der Heiligen Familie. Denn
die Heilige Familie entspricht keineswegs dem Bild einer harmlosen Kleinfamilie
von heute, wie sie uns in Werbespots aufgezeigt wird. Die Heilige Familie ist
vielmehr eine beispielhafte, universelle Familie, die ihr Wollen und Wirken auf
das Numinose ausrichtet. Die Vorbildlichkeit der Familie aus Nazareth liegt
demnach in der Gottesbezogenheit. Mit ihrem Auserwähltsein nimmt sie Anteil an
der Heiligkeit Gottes, weil Gott einen Plan mit ihr hat. Die Mitglieder der
Familie sagen einheitlich „Ja“ dazu, verzichten auf persönliche Vorteile und
fügen sich bedingungslos in den Plan Gottes ein. Darum ist die Ehe von Maria
und Josef eine Erfüllung des himmlischen Willens. Diese Ehe hält der Menschheit
einen Spiegel vor, der eine Form des Ehelebens zeigt, die jenseits von Egoismus
und Habsucht liegt. Diese beiden Untugenden brauen sich häufig unbemerkt im
Schatten des Ehelebens zusammen. Der Apostel Matthäus formuliert seine
Ansichten zur Ehe wie folgt:
Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig,
manche sind von den Menschen dazu gemacht
und manche haben sich selbst dazu gemacht,
um des Himmelreichs Willen;
wer das erfassen kann, der erfasse es.
(Mt 19, 12)
Unfähig zur Ehe sind
Menschen, die auf unerlöster materieller Ebene schwingen. Da dort eine
körperorientierte Ich-Bezogenheit vorherrscht, kann es zu einem Mangel an der
Fähigkeit kommen, sich dem Du zuzuwenden. Der zweite Aspekt, den Matthäus
anspricht, heißt: „manche sind von den Menschen dazu gemacht“. Hier folgt das Ehepaar
einer triebgesteuerten Du-Bezogenheit. Dies meint, die Betroffenen sehen in der
Ehe eine erforderliche Konvention, die von der Gesellschaft vorgegeben ist, und
an die man sich zu halten hat. Hier heiraten Paare aus Gründen sozialer
Vorbilder und gegenseitiger Versorgung. Es tauchen jedoch recht häufig Probleme
auf, weil sich im Schatten dieser Haltung ein psychischer Sprengstoff
ansammelt, der sich in angestauter Dichte zerstörerisch auf die Ehe auswirken
kann.
Der dritte Aspekt erlaubt
eine ideellorientierte Selbst- und Du-Bezogenheit. Wenn es bei Matthäus heißt:
„und manche haben sich selbst dazu gemacht, um des Himmelreichs Willen; wer das
erfassen kann, der erfasse es“, so findet man den höchsten Sinn der Ehe, der
darin besteht, das Übungsfeld für die heilige Gegensatzvereinigung von Jahwe
Gott und dem Volk Israel, also der gesamten Menschenseele, zu bereiten. Die
glückliche Vereinigung zweier erlöster Individuen (gleichsam Sonne und Mond)
kennzeichnet eine kraftspendende Gemeinschaft, in der die drei
Liebesdimensionen Eros (Erotik), Philia (Freundschaft) und Agape (Gottesliebe)
miteinander in Harmonie schwingen.
Die Gründungsmythen der Heiligen Familie
Wenden wir
uns der Gründungsmythologie der Heiligen Familie zu, so findet man in der
kanonisierten Schrift keine Aussagen über Mariens Empfängnis und Geburt. Die
Kirche weicht deshalb entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit auf das apokryphe
Protevangelium des Jakobus aus, ohne diese Quelle direkt im Dogma der
unbefleckten Empfängnis zu benennen. Dort wird geschildert, wie Joachim und
Anna hochbetagt noch keine Nachkommenschaft haben und schließlich ohne
körperliches Zutun Joachims die Tochter Maria als Geschenk Gottes erhalten.
Dies geschah
so: Joachim war schon sehr alt, forschte nach und fand heraus, er sei der
einzige in allen zwölf Stämmen Israel, der keine Kinder bekommen hatte. Da
dachte er an Abraham und Sahra, die sehr spät erst Isaak erhielten. Und Joachim
ging in die Wüste und fastete dort vierzig Tage und Nächte. Anna trauerte unterdessen
zweifach: Joachim hatte sie verlassen und sie war kinderlos. Da setzte sie sich
unter einen Lorbeerbaum und erblickte ein Sperlingsnest mit Jungen darin. Sogar
die Vögel und alles andere Getier haben Kinder, so klagte sie, nur sie sei ohne
Frucht geblieben. Da kam der Engel des Herrn zu ihr und verhieß ihr, sie werde
empfangen. Anna leistete beglückt das Gelöbnis, sie wollte dieses Kind in den
Dienst des Herrn geben. Ebenso wurde Joachim von dem Engel prophezeit, er sei
erhört worden und Anna würde empfangen. Deshalb opferte Joachim dem Herrn vor
Dankbarkeit seine besten zwölf Lämmer.
Zu gegebener
Zeit gebar Anna ihre Tochter Maria. Als das Mädchen sechs Monate alt war,
machte es sieben Schritte auf dem Boden. Aber seine Mutter hielt es auf und gelobte,
dass Maria diesen groben Boden nicht mehr berühren solle, bis sie im Dienst des
Herrn stünde. Also errichtete sie ein kleines Heiligtum um das Bett herum und
ließ kein gemeines Ansinnen dorthin gelangen. Im Alter von drei Jahren gaben
die Eltern das Kind in den Tempel, damit es auf heiligem Boden aufwachse. Der
Hohepriester empfing Maria und stellte sie auf die dritte Stufe vor dem Altar,
da ergoss sich die Gnade Gottes über das Kind. Mit zwölf Jahren sollte sie sich
mit einem würdigen Manne verloben. Alle Witwer des Volkes durften ihren Stab
bringen, und man wartete auf ein Zeichen Gottes, doch es zeigte sich an keinem
der Stäbe eine himmlische Botschaft. Als jedoch Josef der Zimmermann als
letzter den freienden Stab herbei brachte, flatterte sogleich eine weiße Taube
aus dem Stab und schwang sich auf Josefs Haupt. Da wurde Maria mit Josef
verlobt, obwohl er schon alt war.
Bald
benötigte man im Tempel einen Vorhang, und man fand nur sechs Jungfrauen, die
noch unbefleckt waren und diesen weben durften. Deshalb eilte man zu Maria im
Haus Josefs und erteilte auch ihr diese Arbeit. Als die Fäden verlost wurden,
fielen der echte Purpurfaden und der Scharlach auf Maria, und sie begann das
Werk des Webens. Mit der Farbe Purpur kündigt sich das Werk der Vergeistigung
an; in das blaue Wasser der Seele dringt der rote feurige Geist und bringt die
Farbe Purpur hervor. Purpurvorhänge schützen das Allerheiligste jüdischer
Tempel. Maria webt in diesem Gleichnis nicht an dem Teppich eines bürgerlichen
Familienlebens, der waagerecht liegt, den man mit Füßen tritt. Maria arbeitet
an einem senkrecht hängenden Vorhang zum Allerheiligsten, der das Hochheilige
vor den Blicken Unberufener schützt.
Diese
apokryphe Legende Mariens untermalt die Unbeflecktheit des göttlichen
Mutterschoßes im Voraus. Damit erfüllt Maria die Anforderungen der Antike an
eine Theotokos, eine Gottesgebärerin. Denn sie selbst ist hier schon
liliengleich Teil des Himmels, da sie bereits unbefleckt empfangen wurde und
folgerichtig ihrerseits von dem Heiligen Geist empfängt.
Das
Marienleben vollzieht sich alsbald in den zwölf Lämmern des Joachim und ihren
ersten sieben Schritten, die sie mit sechs Monaten setzt. So kann man getrost
die Symbolik des mundanen Tierkreises darüber legen. Bei der Vollendung der
unteren sechs Tierkreiszeichen wird sie als „Jungfrau“ in ein heiliges Leben
emporgehoben. Die sieben Schritte, die für die klassischen Urprinzipien (Sonne,
Mond, Merkur, Mars, Venus, Jupiter, Saturn) stehen, verwandeln sich später in
ihre sieben Schmerzen. Der Weg durch den oberen Tierkreis gestaltet sich für
Maria wie der Opferweg der Lämmer Joachims; sie bleibt unschuldig und reagiert
lammfromm auf alles, was ihr wiederfährt.
Wenden wir uns Josef zu, so
finden wir bei Matthäus: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als
deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen
Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn
er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. (Mt 1, 20b-21).
Josef wird Sohn Davids
genannt. Er ist der einzige, der im Neuen Testament diesen Titel erhält. Josef
sichert damit die Davidität Jesu, wie dies in den Stammbäumen bei Matthäus und
Lukas nachgewiesen wird. Eine exegetischen Beurteilung leitet eine davidische Abstammung
Mariens aus Lk 1, 27 ab, denn man geht davon aus, dass in Israel üblicherweise
Ehen innerhalb des gleichen Stammes geschlossen wurden.
Von Bernhard von Clairvaux
stammen folgende Worte: Josef hat den
Glaubensgehorsam, die treue Erfüllung des Willens Gottes und fixiert somit
seine exemplarische Bedeutung für die Kirche. Jahrhunderte lang wurden
Volksfrömmigkeit und Kunst von dem Josefsbild der Apokryphen geprägt. In der
griechischen Kirche gehören zur Gestalt des heiligen Josef bis heute folgende
Elemente: ein hohes Alter, eine frühere Ehe und die daraus folgenden Kinder;
die wunderbare Auserwählung Josefs, Behüter Mariens zu sein und als Attribut
der blühende Stab, aus dem die Taube sich als Zeichen dieser Erwählung erhebt.
Die Stellung des heiligen Josef gründet in der Ehe mit Maria. Als jungfräuliche
Gottesmutter verleiht sie ihm das Recht und die Pflicht einer irdischen
Vaterschaft.
Zum Geheimnis der Familie von
Nazareth gehört die wahre Vaterschaft Josefs. Obwohl diese Vaterschaft keine
biologische ist, nennt der Papst sie eine authentische menschliche Vaterschaft.
Im Geheimnis der Menschwerdung ist Gott der Vater Jesu, im Geheimnis der
Heiligen Familie aber ist Josef der Vater Jesu. Nicht durch Zeugung, sondern
durch Annahme wurde Josef der Vater Jesu. Mit der Annahme des Menschseins wird
in Christus auch alles ‘angenommen’, was menschlich ist, insbesondere die
Familie als erstes Ausmaß seiner irdischen Existenz. In diesem Zusammenhang
wird auch die menschliche Vaterschaft Josefs ‘angenommen’.
Das betonte Alter Josefs
steht für Stärke des Geistes. Hier sollte jedoch nicht vergessen werden, dass
Maria zwölf Jahre alt ist. Josef wäre dann also bereits mit dreißig Jahren als
„alt“ zu bezeichnen. Er ist also reif und nicht altersschwach. Sein Dienst und
Beistand war auf der Flucht nach Ägypten notwendig, und nach der Rückkehr
ernährt sein Schaffen die Familie in Nazareth. Dass für diese Aufgaben ein
Greis nicht Hilfe, sondern Last gewesen wäre, ist naheliegend. Auch hat Josef
vorher schon Kinder gezeugt und kann durch seine danach erst erlangte
Keuschheit die Jungfräulichkeit Mariens bewahren. Josef ist demnach potent und
zeugungsfähig, hat aber die Sturm- und Drangzeit hinter sich gelassen und kann
sich mit seiner vollen männlichen Kraft dem geistigen Werk annehmen. So wird er
zu einem rituellen Magier, der seinen Trieb im Zaum hält und in der Lage ist,
ähnlich wie ein Priesteramt ein Mysterium durchzuführen. Augustinus betont den
Vorrang dieser geistigen vor der natürlichen Vaterschaft und nennt Josef den
Adoptivvater Jesu.
Neben Ehe und Vaterschaft
beschreibt Johannes Gerson, gleichsam als Zusammenschau, die Heilige Familie,
deren Haupt Josef ist. Zu den Konstanzer Konzilsvätern sagt er wörtlich: Einem Zimmermann war untertan derjenige, der das Morgenrot und die
Sonne geschaffen hat; untertan war er einer Frau, die Leinwand webte, er, dem
sich beugen alle Knie im Himmel, auf Erden, und unter der Erde. O möchten mir
doch die Worte zur Verfügung stehen, ein so tiefes und vor der Welt verborgenes
Geheimnis zu erklären: die Dreifaltigkeit Jesus, Maria, Joseph, die man nur
bewundern und verehren kann. Es war von Johannes Gerson eine ungewöhnliche
Terminologie, die Heilige Familie als irdisches Abbild der göttlichen
Dreifaltigkeit zu bezeichnen. Mit seiner Aussage ist diese Familie etwas ganz
besonderes geworden, denn in ihr leistet das Geschöpf dem Schöpfer
vollumfänglichen Gehorsam. Josef hatte Maria geehelicht, ging aber gleich
darauf fort, um seiner Arbeit nachzugehen. Als er nach Monaten heimkam, fand er
seine Frau geschwängert. Ohne himmlische Eingebung und ohne Reife, solche
Eingebungen zu empfangen, hätten beide einen Giftbecher trinken müssen. Denn
dies forderte das jüdische Gesetz bei Ehebruch mit erfolgter Schwangerschaft.
Aber Josef vertraute auf den Geist Gottes und begann mit seiner Fürsorge für
Maria und das Kind.
Zweimal findet der heilige
Josef auch bei Johannes Erwähnung, die bedeutenderen Aussagen über ihn finden
sich aber in den Evangelien des Matthäus und des Lukas. Diese Stellen nennen
eine wichtige Charaktereigenschaft Josefs: seine Gerechtigkeit! Damit erfüllt
er die Forderung des Judentums, nämlich „gerichtet“, das bedeutet auf Gott
ausgerichtet zu sein. Wir hören von der Heimführung Mariens als Ehefrau, von
der Reise nach Bethlehem und der Anwesenheit Josefs bei der Anbetung der
Hirten. Wir erfahren, dass Jesus seinen Namen durch Josef erhält und von seinen
Eltern zur Beschneidung in den Tempel gebracht wird. Die Heilige Familie flieht
schließlich nach Ägypten, weil Herodes die Knaben tötet. Die Symbolik, in
Ägypten Obhut zu finden, ist von viel größerer Tragweite in dieser
Jesusmythologie als allgemein angenommen. Zum einen geht die kultische
Rückbindung generell auf Ägypten zurück, zum anderen ist Ägypten biblisch
gesehen die materielle Welt, wie wir dies durch den Auszug des Volkes Israel
unter der Leitung von Mose überliefert bekommen. Als Herodes stirbt und damit
die Gefahr vorüber ist, kehrt die Familie heim nach Nazareth. Mit zwölf Jahren
wird Jesus von seinen Eltern gesucht und im Tempel wiedergefunden. Von Josef
selbst erfahren wir danach nichts mehr, weshalb sein Tod in der Jugend Jesu
angenommen wird.
Die Hirten mit Ochse und Esel an der Krippe
Blicken wir auf die Hirten,
die nahe der Krippe stehen. Laut Überlieferung sind es je nach vorherrschender
Landschaft entweder Hirten oder Jäger, die ein berufenes Kind aufziehen.
Knüpfen wir an der Symbolik des Hirten an, so finden wir vorrangig den
ägyptisch-hellenistischen Poimander, dessen Name Menschenhirte bedeutet. In der
Tat bringen die Hirten nicht nur Nahrung für das Kind, sondern zeigen sich auch
als geistgesandte Begleiter. In Lukas 2 erfahren wir, wie der Engel des Herrn,
das ist Gabriel, des Nachts den Hirten erscheint, die bei ihrer Herde wachen.
Der Erzengel verkörpert die Geistseele des Menschen, die zu den Leibseelen der
Hirten spricht. Die Hirten fürchten sich, weil den Engel das gleißende Licht
himmlischer Klarheit umgibt, und diese macht den Erdbewohnern immer Angst. Aber
der Engel spricht das wichtigste Wort der Evangelien aus, indem er zu den
Hirten sagt: Fürchtet euch nicht! Dann verkündet er die Geburt
des Erlösers und gibt das Erkennungszeichen für die Hirten bekannt: Ihr werdet
finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.
Hier merken wir auf: Die
Hirten erkennen das goldene Kind mit dem Blick nach unten auf die Krippe, die
drei Weisen aus dem Morgenland schauen nach oben und sehen den Stern, der über
dem Sonnenlogos scheint. Kaum hat der Erzengel seine Weisung an die Hirten
ausgesprochen, umringen ihn auch schon die himmlischen Heerscharen und singen:
Ehre sei Gott in der Höhe.
Friede auf Erden.
Den Menschen ein Wohlgefallen.
In diesem dreifachen Lobpreis
offenbart sich das Herabkommen Gottes in die Welt. So ziehen die Hirten gen Bethlehem,
verehren das Kind und geben die Botschaft Gabriels, der dem Element Wasser
zugeordnet ist, an Maria, die Seele, weiter. Maria erhört die Worte der
Menschenhirten. Denn zu ihr sprechen sie tatsächlich.
Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort
aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam,
wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt
all diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. (Lk 2, 17-19)
Die Heiligen Dreikönige als geistige Tradition
Der übermächtige geistige
Reichtum des goldenen Kindes kommt durch die Weisen aus dem Morgenland noch
mehr zur Geltung. Zwölf Tage nach dem ersten Weihnachtstag ist Epiphanias, der
6. Januar. Epiphanias bedeutet, das Göttliche erscheint, wird den Heiligen
Dreikönigen offenbart. Zunächst nannte die Überlieferung diese nur die drei
Weisen oder die Magier aus dem Morgenland. Ab dem 6. Jahrhundert wurden sie zu
Königen und bekamen ihre Namen, die zunächst Thaddadia, Melchior und Balytora lauteten.
Erst im 8. Jahrhundert erhielten sie die heute gebräuchlichen Namen Caspar (der
Schatzmeister), Melchior (König des Lichtes) und Balthasar (der Glänzende wie
Ba’al). Sie sind Sinnbilder von Oberhäuptern bedeutender Kulte. Als Zeichen
ihrer rituellen Anbindung erscheint für sie ein fünfzackiger Leitstern. Es
besteht kein Zweifel, diese drei Könige sind Eingeweihte, über ihnen selbst
leuchtet ein Pentagramm als Symbol der rituellen Magie. Es symbolisiert die
fünf wichtigsten Begriffe der Mystik: Überirdische Intelligenz (=Weisheit),
Barmherzigkeit, Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit. Auch ihre Gaben künden von
den kultischen Geheimnissen der Antike. Die Alchemie verbirgt sich in dem Gold,
das der greise Melchior in Form von Münzen und einem Apfel aus purem Gold
mitbringt. Caspar schenkt dem Kind Weihrauch als Zeichen des Opfers und als
Symbol der Priesterschaft Christi, denn wie der heilige Rauch der Opferfeuer
wird das Leben Jesu nach oben steigen. Balthasar greift mit der Myrrhe dem Tod
und der Auferstehung Christi vor. Denn die Myrrhe wird nach der Kreuzigung von
Joseph von Arimathia in sehr großen Mengen zur Einbalsamierung Jesu gebracht.
Die Myrrhe erzählt von uralten Auferstehungskulten, welche die Ägypter im Namen
des zerstückelten Osiris und die Hellenen in ihrem Gott Dionysos zelebrierten.
Noch deutlicher als die
Gottheiten aus vergangenen Mysterien ist Christus ganz Mensch geworden und wird
dennoch als Gott auferstehen. Also integriert er die Hohe Magie der Vorzeit
nicht nur, er erhöhte sie in ihrer Wirksamkeit. Bislang galt es als Vorrecht
der Hohenpriester, auf magische Weise eine Verbindung von Himmel und Erde
herzustellen. Dazu dienten viele Ritualgegenstände wie goldene Leuchter,
Opferaltäre, Schmuck, Gewänder, an die eine Absicht der Kommunion zu binden
war. Die Kultpriester hielten gewissermaßen die himmlischen Stromkabel in der
Hand, damit in der Welt das Licht der Weihe nicht verlöschen konnte. Diese
heilige Kraft war für sie erfahrbar und konnte gelenkt werden, weil sie in
einer magischen Tradition arbeiteten, die ihnen die Macht dazu verliehen hatte.
In diesem Sinne war jeder vereidigte Hohepriester gleichsam ein Magier aus dem
Morgenland, denn auch er kannte die Kultgegenstände Gold, Weihrauch und Myrrhe.
In solch erhabenem Andenken schreiten nun die Magier vor den Gottessohn in der
Krippe und erkennen: Eine neue Magie ist geboren! Ein regenerierter Kult liegt
hier in den Windeln, und die Heiligen Dreikönige wissen im Voraus um die Frohe
Botschaft, die verkünden soll, dass nicht nur ein Gott auferstehen kann,
sondern auch ein Mensch. Nicht weniger als ebendiese kultische Großartigkeit
der direkten Anbindung durch den Sohn Gottes erkennen die Heiligen Dreikönige
voller Ehrfurcht. Ein uraltes hochpotenziertes Mysterienspiel tritt erneuert in
die Sichtbarkeit ein. Mit der Christusmagie rückte die Hohe Magie der Alten in
eine neue, verjüngte, erfrischte Erfahrbarkeit, bereichert durch die
monotheistische Gottesliebe des All-Einen, der sich nicht mehr über unzählige
Urprinzipien in das menschliche Bewusstsein verströmt, sondern einen großen
Mittler sandte. Poimander, der Menschenhirte der Alten ist zum Menschensohn
geworden. Als wahrer Pontifex wird Jesus in aller Klarheit sagen:
Es werden nicht alle, die zu mir sagen:
Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen,
sondern die den Willen meines Vaters im Himmel
erfüllen.
(Mt 7,21).
Gabriele Quinque