Das Goldene Kind
Das Weihnachtsmysterium
im Spiegel antiker Kulte
Aus Ägypten habe ich
meinen Sohn gerufen.
Mt 2,15
In unserem christlichen
Weihnachtsmysterium nimmt ein uralter Lichtkult Gestalt an. Der Mythos von der
Geburt Jesu handelt von der Fleischwerdung des sogenannten goldenen Kindes.
Solch ein außergewöhnliches Kind inkarniert stets aus demselben Grund. Es hat
den Auftrag, die Erdbewohner davor zu bewahren, ihre himmlische Herkunft zu
vergessen und sich ganz und gar in den materiellen Kräften zu verlieren. Dazu
bedarf es in allen Variationen dieses Mythologems einer Theotokos, einer
Gottesgebärerin, die als jungfräuliche Mutter auserwählt ist, die kosmische
Zeugung zu empfangen. Im christlichen Kontext trägt Maria (bzw. Myriam oder
Maya) als Symbol der geläuterten Materie den Mythos des goldenen Kindes aus. In
Maria begegnet uns die Umkehr der Eva des Alten Testaments. Eva griff im Garten
Eden nach dem Apfel und erfuhr mit Adam die Vertreibung aus dem Paradies.
Religionsphilosophisch betrachtet zerstörten die Kinder Evas die himmlische
Ordnung und errichteten ein Gegenreich zum Himmel. Um dieser Hybris Einhalt zu
gebieten und dem Himmel wieder Vorrang auf Erden zu geben, wird Maria berufen.
Ave Maria, gegrüßt seist Du
Maria! Dieser Angelusgruß des
Erzengels Gabriel erreicht Maria in ihrem Heim, das eine Gebetsstätte ist, und
empfängt den kosmischen Auftrag zur Theotokos. Diesen nimmt Maria bereitwillig
an, woraufhin sie durch eine göttliche Befruchtung über die Belange der Erde
erhoben wird. In ihrer Demut und Reinheit kehrt sie den Sündenfall um und
verbindet sich mit der gnostischen Weisheit. Ganz deutlich wird uns die
Zurücknahme der Schuld durch den Apfel, den Maria auf vielen Gemälden
unversehrt an das goldene Kind zurückgibt. Eva hat uns von Gott weggeführt,
Maria führt uns zu Ihm zurück. In „AVE“ lesen wir den Namen Eva von rechts nach
links, also nicht aus der abtrünnigen Vergangenheit, vielmehr von der
erlösenden Zukunft her kommend. Die heilsmagische Formel Ave Maria verehrt die menschliche
Seele auf ihrem Rückweg in das Reich ihrer Abstammung.
Das Mysterium als Analogie menschlicher
Entwicklung
Betrachten wir die
weihnachtliche Geburt als Mysterium in uns selbst, dann ist die Geburt des
goldenen Kindes nichts anderes als die Empfängnis höchstmöglicher
Selbsterkenntnis, die Gotterkenntnis in sich einschließt. Maria symbolisiert
die himmlische Natur der Seele. Sie wird deshalb als jungfräulich bezeichnet,
weil sie auf ihrem Weg über das Erdenrund rein bleibt, wie eine Lilie, die in
sich selbst wurzelt. Die Gottesmutter gebiert das Licht der Welt, das von der
Finsternis nicht zerstört werden kann und zu seiner wahren Glorie aufersteht.
Am Ende des Werkes wird sie ihrerseits von dem Auferstandenen erhoben und
gekrönt. Dies entspricht dem Erhebungswerk der Seele, den alle Religionen
aufzeigen.
Angelus Silesius formulierte
in diesem Sinne: Ich muss Maria sein und Gott aus mir gebären,
soll Er mir ewigliche Seeligkeit gewähren. Maria zu sein ist demnach ein erhabener Zustand, den
der Mensch anstrebt, aber nicht auf instiktiven Wegen zu erreichen vermag. Erst
wenn die niederen Seelenanteile durch kultische Handlungen von ihrer
Stoffgebundenheit befreit wurden, können sie sich mit der jungfräulichen
Seelenschicht vereinigen. In allen Gleichnissen und Abbildungen Mariens wird
ihr göttliches Charisma deutlich: Maria umhüllt sich gleichsam mit einem
Sternenmantel wie die ägyptische Göttin Nuit und tritt auf den Mond sowie auf
eine Schlange als gnostische Sophia. Das Einzigartige an Maria ist, sie zeigt
sich ganz von Zweifeln gereinigt, löscht irdische Trugbilder ebenso aus wie
niedere Begierden. Im Gegensatz zu archaischen und antiken Göttinnen gebärdet sie
sich weder sexuell und launisch noch Opfer einklagend, sondern vollends
hingebungsvoll und Gott ergeben. Den dunklen Charakterzug überlieferter
Mondgöttinnen gibt sie - zumindest was die erdennahe Sinnlichkeit angeht - an
Maria Magdalena ab.
Das Goldene Kind in alten Kulturen
Richten wir unser Augenmerk
auf Christi Geburt, dürfen wir nicht versäumen, im Vorfeld auf ältere
Traditionen zu blicken und auch dort die Geburt des goldenen Kindes zu
erkennen. Schon der ägyptische Horus wird geistig empfangen. Ebenso wie später
Jesus den solaren Geist erneuert, stärkte bereits Horus die Kräfte seines solaren
Vaters Osiris auf Erden. Harpokrates, das bedeutet Horus als Kind, wird häufig
mit dem Finger auf dem Mund dargestellt. Dieses Zeichen gilt als das Geheimnis
des erwählten Kindes, denn es symbolisiert das Schweigen in der Welt und das
innere Lauschen nach der Gottesnähe. Die Göttin Isis symbolisierte für die
Ägypter den weiblichen Anteil, die Seele. Ähnlich wie Eva wandte sie sich der
Erde zu und wurde dadurch schuldig am Geist, an Osiris, den die Mächte des
Stoffes zerstückelt hatten. Aber indem sie sich ihrer himmlischen Flügel wieder
bewusst wurde, erhob sie sich als Isis Urania über den mumifizierten Leichnam
des Osiris, wurde von seinem Geist geschwängert und gebar den goldenen
Horusknaben. Dieser wuchs heran, und es heißt in den Papyri, er triumphierte
stets über seine Feinde. Horus führte nämlich unzählige Kämpfe gegen den
Widersacher Seth und ging immer siegreich aus dessen Angriffen voller List und
Tücke hervor.
Nur einem Goldenen Kind hat
man in der Mythologie seit jeher solche Kräfte nachgesagt. Im goldenen Kind
kommt der Gott selbst zur Erde, so hieß es schon immer. Ähnlich wie Horus seine
Feinde besiegt, gelingt es auch dem hinduistischen Krishna, dessen Name auch
der Gesalbte bedeutet, wie Christus. Die guten Gottheiten nannten die Inder Devas,
sie besaßen jedoch einen Schatten, der sich in den blutrünstigen Asuras
ausdrückte, die nur ein Ziel kannten, die Devas zu entmachten und die
vollständige Weltherrschaft anzutreten.
Um einen solchen Frevel der
Dämonen zu verhindern, darin liegt in allen Religionsmythen der Grund, weshalb
ein Gottessohn inkarniert. Er ist ein Gesandter und hat die Aufgabe, den
Lichtkräften zum Sieg zu verhelfen. Lauschen wir in den Krishna-Mythos hinein,
um auch hier das Wesentliche einer Gottesgeburt zu erfassen:
Aus Bosheit ließen die blutrünstigen Asuras den Dämon
Kamsa inkarnieren, der keinen Gott der Höhe in sein Herz dringen ließ, und er
wurde der Tyrannenkönig von Mathurâ. Vor allem um Kamsa zu vernichten, aber
auch um den Menschen die Wege zur Unsterblichkeit zu eröffnen, riss sich Vishnu
zwei Haare aus und gelobte: 'Diese beiden Haare aus meinem Haupt sollen bis zur
Erde hinabsteigen und die Last der Dämonen hinwegnehmen. Damit alles, was lebt,
wieder in Mahadeva einkehre!'
So vernahm Kamsa die Kunde, dass der aufbauende Gott
Vishnu einen Spross zur Erde entsandte, der beabsichtigte, die
Schreckensherrschaft Kamsas zu beenden, weshalb der Tyrann alle Kinder töten
ließ, die zu der Zeit der Prophezeiung auf die Welt kamen. Aber - gänzlich
verborgen in einem geheimen Land voller Lotosblüten - fiel die anmutigste aller
Frauen namens Devaki in tiefe Ekstase; sie vernahm den Klang himmlischer
Harfen, dazu ein ergreifendes Singen lieblicher Stimmen, und bald darauf
erblickte sie den übernatürlichen Glanz von tausend Devas, die aus den Wolken
zu ihr herabschauten! In diesem Augenblick empfing Devaki Krishna, den
Gesalbten. In der Obhut friedvoller Hirten am Fuße des Berges Meru, unter drei
prächtigen Zedern, gebar Devaki das heilige Kind. Seine Haut war dunkel, aber seine
Seele leuchtete wie ein Diamant im Sonnenschein.
Krishnas Wesen glich einem stärkenden Trank, und sein
Herz war rein wie das eines Lammes. Und so kam es, dass er sowohl zu großer
körperlicher Stärke als auch zu vollendeter Poesie heranwuchs. Als Krishna
erwachsen war, besaß er die Kraft eines Löwen, und er predigte den Menschen von
Mahadeva, dem Gott der Götter, der Sonne der Sonnen! Krishna besiegte die Söhne
des Mondes und half den Söhnen der Sonne; er tötete Kamsa und lehrte die
Menschen, ihre Arme emporzuheben und den Geist der Sonne zu begrüßen. (G. Q., Die Fackel des
Prometheus)
Nicht nur an Krishna ging ein
großer Auftrag. Auch die Mission Jesu wird durch die prophetischen Worte
Mariens angekündigt. Maria spricht nach seiner Geburt nur noch wenig, aber
vorher erweist sie sich doch recht redegewandt und ebnet den Weg ihres Sohnes
mit folgender Rede:
Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut
sich Gottes, meines Heilandes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd
angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn
er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit wäret immer für und für bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens
Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen
füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer. Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel, wie er geweissagt hat unsern Vätern, Abraham
und seinen Kindern ewiglich. (Lk 1, 44-55)
Diese Worte Mariens leuchten
der Lebenserfüllung Christi verheißungsvoll voraus, sie verkünden wie zu alten
Zeiten: Er wird in die Welt kommen, die Widersacher vertreiben, die Lichter der
Seelen verstellen und den Geist des Alls auf seinen rechtmäßigen Thron rücken.
Die Lichtgeburt und die Todesmythen
Voraussetzung für die Geburt
des goldenen Kindes war zu allen Zeiten der Mythos des Todes, der dieser
Lichtgeburt vorausging. Ähnlich wie zur Geburt Krishnas war es auch bei Abram,
der später von Gott Abraham getauft wurde. Damals wollte König Nimrod alle
Knaben töten, weil ihm eine Weissagung zu Ohren kam, dass ein Knabe die
Herrschaft übernehme, sobald er herangewachsen wäre. Von seiner Mutter wurde Abram
in eine Höhle gelegt und entkam so seiner Ermordung. Der Erzengel Gabriel
erschien jeden Tag in der Höhle und nährte Abram mit Milch, die aus seinem
Finger floss.
Also griff auch zu Jesu
Geburt der Tod um sich, da Herodes allen Knaben nach dem Leben trachtete, denn
auch er fürchtete wegen einer Weissagung um seine Macht. Der Tod als
Begleitmotiv der göttlichen Geburt versteht sich hier als Signum irdischer
Existenz, die solange tot im Grabe liegt, bis das Gottes-Ich, das Höhere Selbst
im Menschen, geboren wird. Der Tod ist in allen Initiationsriten verbunden mit
einem Behältnis, einem Kasten, einer Schatulle, einem Binsenkörbchen, die
allesamt Weiterschreibungen des Osiris-Sarkophages sind. Sarkophag heißt
übersetzt Fleischfresser, der äußere Leib soll darin vergehen, damit der
Geistleib geboren werden kann.
Im alten Indien zelebrierte
man einen Ritus, in dem der Kandidat geschoren und gesalbt wurde. Danach
sperrte man ihn sieben Tage in eine Höhle ein. War keine Höhle vorhanden, so
erbaute man eine Hütte zum selben Zweck. Dort hatte er in der Lage eines
Embryos zu verweilen und erhielt nur wenig Nahrung. In dieser Zeit sollte sein
Leib dahinschwinden. Wie ein Neugeborener kam er nach Ablauf der Zeit aus der
Höhle heraus.
In der sogenannten Dresdner Mayahandschrift
gibt es ein Bild des Sonnengottes Kukulkan, der gekrümmt hockend in einem
Kasten auf seine Wiedergeburt wartet. Diese Symbolik entspricht der uralten
Vorstellung von der Sonne in der Weltenberghöhle, die ihren Winterschlaf hält
und zur Wintersonnenwende wieder hervorkommt. Tatsächlich feiern wir die Geburt
des Lichtes gemeinsam mit den Heiden zum Wintersolstitium. Das ist jener
Moment, an dem die Tage langsam wieder länger werden. Die Sonne erwacht
gleichsam aus ihrem Winterschlaf. Die eingesargte Sonne im Kästchen entspricht
dem unstofflichen Samen Gottes, der in der Form Aufnahme findet und
hervorgebracht wird. In der Mahâbhârata entstand das Feuer aus dem Samen des
Feuergottes Agni. Nach dem Catapatha-Brâhmana vermählte sich Agni mit den Wassern,
wobei sein Same zu Gold wurde.
Wenn Maria das große
Seelenmeer ist und der Geist Gottes auf sie herabkommt, so bringt auch sie das
göttliche Licht in einer Höhle zur Welt. Die Behausung für den christlichen
Lichtsamen kann auch mit dem Uterus Mariens gleichgesetzt werden und findet
ihre Fortsetzung in den opulenten Gewölben aller Kirchen. Hierbei empfiehlt es
sich, zu bemerken, dass die Gottessohnschaft identisch ist mit der Inkarnation
Gottes. Auch in früheren Kulturen zeugte der solare Schöpfergott immer wieder
sich selbst.
Die Wiedergeburt der Sonne
feiert man in vielen Kulten als Geburt des Sonnenkindes: Eo ipso, die Sonne als
Kind. Immer wieder kommt es zu Allegorien, in denen die Sonne in einer Truhe
oder einem Kasten verschlossen liegt. Diese Herberge wird dann durch irgendeine
Macht aufgebrochen, und heraus springt ein Sonnenknäblein. So wurde
beispielsweise der „Große Herr“ der Akkader, ca. 2600 v. Chr., von dem es hieß,
er hätte ein Weltreich erschaffen und beherrscht, als Kind in einem Kasten aus
Schilfrohr ausgesetzt, wie dies später von Mose berichtet wird.
Denken wir hier auch an
Ödipus. Von seiner Sage gibt es zwei Varianten. Bei Sophokles wurde Ödipus im
Kithairongebirge ausgesetzt, wo sich ihm ein Hirte annahm und ihn großzog. Einer
anderen Fassung zu Folge wurde Ödipus wegen einer Weissagung von seinem Vater
in einer Truhe verschlossen und in das Meer geworfen. Die Truhe trieb in Sikyon
an Land. Nach seiner Befreiung des Ödipus zog ihn der ansässige Landesfürst
Polybos auf.
Der mythische Knabe Adonis
wuchs ebenso in einer Truhe heran. Adonis war der Sohn von Smyrna (bzw.
Myrrha), die von Aphrodite aus Zorn in einen Myrrhenbaum verwandelt wurde und
aus ihrem Stamm den Adonisknaben gebar. Aphrodite fand ihn wunderschön,
versteckte ihn in einer Truhe und brachte diese in die Unterwelt zu Persephone,
damit die anderen Götter den schönen Knaben nicht sahen und ihn zu sich holten.
Der edle Adonis-Knabe ist
eine Variante des solaren Prinzips. Ihn in der Unterwelt zu wissen, gleicht der
Nachtmeerfahrt der Sonne. Als Aphrodite nach Ablauf der Zeit den Knaben zu sich
holen wollte, war Persephone nicht bereit, ihr den makellosen Jüngling
auszuhändigen. Erst der Ratschluss des Zeus setzte dem Streit der Göttinnen ein
Ende und Adonis kehrte zu Aphrodite zurück.
Ein andere Variante des
goldenen Kindes finden wir in dem Mythologem von Persephone. Bei Propertius,
röm Dichter ca. 40 v. Chr., trägt die Unterweltsgöttin den Namen Brimo, die
Starke. Erinnern wir uns, Kore lebt mit ihrer Mutter in himmlischen Gefilden,
wird von Hades geraubt und mit einem Granatapfelkern an die Unterwelt gebunden.
Das ist Hieros Gamos, Heilige Hochzeit von Himmel und Hölle. Das Wesentliche
der hellenistischen Riten von Eleusis war diese Heilige Hochzeit von Persephone
und Hades. Wie in dieser Hochzeit verband sich auch der Myste in den Weihen mit
den Göttern zu einem Gotteskind. Dies wurde in den Eleusinien anschaulich
dargestellt, indem die Göttin am Ende der Weihen mit einem goldenen Knaben im
Arm, der Brimos hieß, aus der Unterwelt aufstieg. Aus dem 2. Jh. n. Chr. ist
ein Zitat von Hipolytos überliefert. Er verurteilte die Ketzerbekämpfung der
Kirche und pries die Schönheit der Eleusinen.
Den Heiligen gebar die hehre Brimo,
den Knaben Brimos,
das ist der Starke der Starken.
Hehr ist die geistige,
himmlische Geburt in der Höhe,
stark aber ist der so Geborene.
(Hypolytos)
In dem Zitat werden zwei
Ebenen angesprochen: Die geistige Geburt aus dem Leib der Göttin, die sich aber
wirksam fortsetzt bis in den einzelnen Menschen. Gemäß der Platonischen
Ideenlehre geht alles, was an der Universalseele getan wird, über auf die
Menschheit als Partikel. Anders gesagt: Jedes heilige Mysterium muss im
Menschen ankommen. Auch für Weihnachten gilt dies. Das goldene Kind kann in der
Weihenacht im menschlichen Herzen als höhere Bewusstheit zur Welt kommen.
Adventskalender und
Tannenkranz
Denken wir an die Kisten und
Truhen, die für die Geburt des Lichtes geöffnet werden, so kommen wir mit ein
wenig Phantasie auf unseren Adventskalender. Früher war er immer viereckig mit
dunklem Hintergrund, entweder eine Hütte oder ein Wald, und vom 1. - 24.
Dezember gab es je eine Tür, die es zu öffnen galt und eine leuchtende Kerze
auf gelbem Untergrund oder einen Stern zeigte. Das Öffnen der Tore wird als
Vorfreude auf die Ankunft des Lichtes im eigenen Herzen empfunden.
Unterstützung findet diese Symbolik noch durch den tannengrünen Adventskranz.
Advent heißt Ankunft. Im frühen Christentum wurde Advent mit einer Fastenzeit
begangen und umfasste sechs Sonntage vor der Geburt Jesu. Erst im 16.
Jahrhundert legte man vier Sonntage fest, als Sinnbild für die vier Evangelien,
die von der Fleischwerdung Gottes berichten. Der grüne Kranz stammt aus dem
Mithraskult, wo der Eingeweihte nach bestanden Prüfungen als Sieger bekränzt
wurde. Der Kranz nimmt auch die Bekränzung Mariens vorweg. Die vier Lichter,
die nacheinander auf dem Adventskranz entzündet werden, zeigen die Ankunft des
Lichtes in allen vier Elementen und Evangelien: Lukas-Stier-Erde, Markus-Löwe-Feuer,
Johannes-Adler-Wasser, Matthäus-Engelmensch-Luft.
Wenn Selbsterkenntnis und
Gotterkenntnis dem Wesen des goldenen Kindes gleichkommt, so ist es schwer, im
Menschen geboren zu werden und wir erkennen darin das Motiv der Suche nach der
Herberge. Josef und Maria gingen von Nazareth nach Bethlehem, das heißt Stadt
des Brotes. Es ist das Brot des Lebens, die Heilige Speisung, der Leib Christi,
der hier geboren werden sollte. Es gab keine Herberge für den Gott im Herzen,
weil zu viel anderes darin wohnte. Und weil keine Herberge für den Sonnenlogos
da war, gebar Maria das goldene Kind in einem Stall. Der Stall war eigentlich
eine Höhle, denn zu jener Zeit, hielt man die Tiere in Höhlen. Damit stimmt die
tradierte Symbolik für ein Heldenkind. Es gleicht der Ankunft der Sonne in der
Weltenhöhle. Das Kästchen, die Truhe der Alten, das Binsenkörbchen des Mose
wird zur Krippe. Um diese herum gruppiert sich die Heilige Familie mit den
Hirten, Ochse und Esel, wie sie auf die Ankunft der Heiligen Dreikönige warten,
die das Mysterium mit Weihrauch, Myrrhe und Gold als religiöses Werk
bestätigen.
Die kosmischen Gesetze dringen
durch die Christusmagie bis zur Erde durch und sollen wieder eingekleidet
werden in eine Dramaturgie von Opfer, Tod und Auferstehung eines Gottes. Denn
zur Zeit Christi Geburt waren viele Kulthandlungen wirkungslos geworden, der
Zahn der Zeit hatte ihre Kraft zermalmt, hatte sie unlebendig und schwach
werden lassen. So konnte nicht verhindert werden, dass menschliche Machtgier
die Segensleistung der Kulte in zunehmendem Maße erstickte. Darum stand nun das
neue Mysterienspiel auf dem Plan, welches das Beste aus den Vorgängern in sich
einschloss und an Herrlichkeit alles Vorangegangene übertraf.
Denken wir an die Einleitung
dieser Abhandlung zurück, in der wir von alten Kulten und ihrer Erneuerung
durch das Christentum sprachen. In folgenden Worten des Matthäus heißt es: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn
gerufen! In diesem allegorischen Satz schließt sich der Kreis zu
Horus, dem goldenen Kind der Ägypter.
Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs
Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:
Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im
Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte,
erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle
Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der
Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn
so steht geschrieben durch den Propheten: Und du, Bethlehem im jüdischen Lande,
bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird
kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.
Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von
ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und
sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr es
findet, so sagt mir es wieder, dass auch ich komme und es anbete. Als sie nun
den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im
Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo
das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen
in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder
und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch
und Myrrhe. Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes
zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land. Als sie
aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im
Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir, fliehe
nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir es sage; denn Herodes hat vor, das
Kindlein zu suchen, um es zu töten. Da stand er auf und nahm das Kindlein und
seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis
nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten
gesagt hat, der da spricht: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
(Mt 2, 1-15)
Gabriele Quinque